Doppeltes Perfekt in der Umgangssprache

Doppeltes Perfekt in der deutschen Sprache

Das doppelte Perfekt zeichnet sich dadurch aus, dass neben den Hilfsverben (Auxiliare) haben und sein und einem Partizip 2 eines Vollverbs ein weiteres Hilfsverb im Partizip 2 hinzukommt. Demnach wäre ein Satz, wie z. B. Er hat seinen Kunden doch informiert gehabt, sicherlich regelkonform.  Hier stellt sich jedoch die Frage, ob diese Form überhaupt gebräuchlich ist und falls dem so sei, ob sie eine umgangssprachliche der standardsprachliche Erscheinung darstellt. 

Inhalt

Doppeltes Perfekt

Das doppelte Perfekt wird u. a. als Doppelperfekt, Superperfekt oder Ultraperfekt bezeichnet und beschreibt eine Zeitform im Deutschen, die vor allem in regionalen Varietäten, in der Umgangssprache als auch in der Schriftsprache, wenndoch vergleichweise selten, zu finden ist.

Bildung des doppelten Perfekts

Man bildet das doppelte Perfekt mit den Hilfsverben haben und sein im Präsens, einem Vollverb im Partizip 2 sowie einem weiteren Hilfsverb (haben oder sein) im Partizip 2. 

Bildung - Doppeltes Perfekt

Vergleich mit anderen Formen

Um das doppelte Perfekt von anderen Formen abzugrenzen und Gemeinsamkeiten nachvollziehen zu können, sollen einige Tempusformen im Aktiv und Passiv aufgeführt werden.

Mit welcher Form hat das doppelte Perfekt mit sein Gemeinsamkeiten?

TempusAktivwerden-Passivsein-Passiv
PräsensEr öffnet die Tür.Die Tür wird geöffnet.Die Tür ist geöffnet.
PräteritumEr öffnete die Tür.Die Tür wurde geöffnet.Die Tür war geöffnet.
PerfektEr hat die Tür geöffnet.Die Tür ist geöffnet worden.Die Tür ist geöffnet gewesen.
PlusquamperfektEr hatte die Tür geöffnet.Die Tür war geöffnet geworden. Die Tür war geöffnet gewesen.
Futur 1Er wird die Tür öffnen.Die Tür wird geöffnet werden.Die Tür wird geöffnet sein.
Futur 2Er wird die Tür geöffnet haben. Die Tür wird geöffnet worden sein. Die Tür wird geöffnet gewesen sein. 

Die Tabelle zeigt strukturelle Gemeinsamkeiten des Passivs im Perfekt und Plusquamperfekt einerseits und dem doppelten Perfekt bzw. Plusquamperfekt andererseits auf (-> Zum Beitrag über das doppelte Plusquamperfekt geht es hier). In dem Satz Der Täter ist spurlos verschwunden gewesen. kommt zur Perfektform (Hilfsverb + Partizip 2 des Vollverbs) ein weiteres Hilfsverb im Partizip 2 hinzu. Es handelt sich um das doppelte Perfekt und wird wie das Zustandspassiv mit sein im Perfekt gebildet.

Mit welcher Form hat das doppelte Perfekt Gemeinsamkeiten?

Aber was ist mit einem Satz wie Die deutsche Nationalmannschaft hat das letzte Gruppenspiel der WM gewonnen gehabt? Gibt es auch hier strukturelle Gemeinsamkeiten mit dem doppelten Perfekt mit haben und einer anderen Struktur im Deutschen? Ja, die gibt es!

Interessanterweise muss man hier Strukturen suchen, die im Deutschen eher eine Randerscheinung darstellen und in der Lehre des Deutschen als Fremdsprache selten besprochen werden. Oben haben wir bereits über das Zustandspassiv mit sein gesprochen, eine Form, die als Resultat einer vorangegangenen Handlung verstanden werden kann. Daher bietet es sich an, diese Form mit dem Vorgangspassiv zu erlernen. Nun gibt es noch eine weitere „Passiv“-Form, die einen Zustand im Deutschen beschreibt, aber mit haben gebildet wird. 

Besonderheiten des haben-Passivs

Das haben-Passiv beschreibt wie das sein-Passiv einen Zustand. Dennoch unterscheiden sich beide Formen. Im sein-Passiv nimmt das Subjekt die semantische Rolle des Patiens ein, wohingegen im haben-Passiv der Rezipient im Zentrum des Interesses steht. Folgende Beispiele sollen den Unterschied der Rollenzuschreibung (Patiens versus Rezipient) verdeutlichen.

FormPräsens / (Perfekt)Semantische Rolle des Subjekts
AktivsatzEr öffnet die Tür.Agens
sein-PassivDie Tür ist geöffnet (gewesen).Patiens
AktivsatzDer Arzt bandagiert dem Fußballer das Knie.Agens
haben-PassivDer Fußballer hat das Knie bandagiert (gehabt).Rezipient

Die Beispielsätze zeigen, dass das Subjekt im sein– sowie haben-Passiv jeweils eine andere Rolle einnimmt. Im sein-Passiv handelt es sich um das Patiens, wohingegen es sich im haben-Passiv um den Rezipienten handelt, dem Empfänger einer Leistung / Handlung / … Außerdem gibt es auch hier einen identischen Aufbau der grammatischen Struktur, was ein Vergleich des doppelten Perfekts mit haben und dem haben-Passiv verdeutlicht.

Passivformen als Vorbild?

Bei genauer Betrachtung des sein– und haben-Passivs im Perfekt fallen Analogien auf, die für eine nähere Bestimmung der doppelten Perfektformen relevant sein könnten. Zum einen sind die Formen strukturell identisch aufgebaut. Zum anderen betonen das sein– sowie das haben-Passiv einen Zustand. 

sein-Passiv Der Bus ist gemietet gewesen
Doppeltes Perfekt Der Bus ist abgefahren gewesen.
haben-Passiv Der Patient hat den Fuß bandagiert gehabt
Doppeltes Perfekt Der Patient hat sich beim Sport am Fuß verletzt gehabt.

Gebrauch des doppelten Perfekts

Das doppelte Perfekt dient zum einen dazu, eine Handlung in der Vergangenheit zu verstärken bzw. zu betonen. In dieser Funktion hat das doppelte Perfekt also einen intensivierenden Charakter. Zum anderen verwendet man das doppelte Perfekt in einigen Regionen Deutschlands statt des Plusquamperfekts. In dieser Funktion stellt es eine Ersatzform dar!

Verstärkung einer Aussage

Man kann das doppelte Perfekt zur Verstärkung einer Aussage verwenden. Dabei ist zu beachten, dass es sich um eine umgangssprachliche bzw. regionale Erscheinung handelt. Oft stehen zusätzlich Partikeln oder Adverbien im Satz, um die Aussage zu betonen und ggfs. eine subjektive Haltung zum Ausdruck zu bringen.

Beispiele

Die folgenden Beispielsätze enthalten jeweils das doppelte Perfekt zur Intensivierung / Verstärkung einer Aussage. Sehr häufig werden auch Partikeln oder Adverbien verwendet, die ebenfalls dazu dienen, um eine Aussage zu intensivieren. 

  • Ich habe den Kunden doch schon längst darüber informiert gehabt!
  • Sie hat es mir gesagt gehabt! Und ich habe es vergessen …
  • Ich rege mich darüber so sehr auf, weil ich es euch doch gesagt gehabt habe. Doch ihr habt mir ja nicht geglaubt! 

Ersatzform für das Plusquamperfekt

In einigen regionalen Varietäten wird bevorzugt das Perfekt statt des Präteritums genutzt. Darüber hinaus scheint es eine Tendenz zu geben, statt des Plusquamperfekts auf das doppelte Perfekt zurückzugreifen. In diesen Fällen ist das doppelte Perfekt als Ersatzform zu verstehen.

Beispiele

In den folgenden Beispielsätzen dient das doppelte Perfekt jeweils als Ersatzform für das Plusquamperfekt.

  • Frank hat seiner Freundin einen Heiratsantrag gemacht gehabt
  • Er hat dazu eine perfekte Rede vorbereitet gehabt
  • Seine Verlobte ist gerade von ihrer Geschäftsreise zurückgekehrt gewesen.

Doppeltes Perfekt – Doppelt gemoppelt oder berechtigt?

Auf diese Frage gibt es keine eindeutige Antwort, da Sprache an sich dynamisch ist und einem ständigen Wandel unterliegt. 

Tatsächlich ist das doppelte Perfekt eine Erscheinung in der Umgangssprache und in einigen regionalen Varietäten. Zudem ist die Form auch schriftlich belegt. Dass die Form zur Verstärkung einer Aussage genutzt werden kann, ist in einigen Situationen durchaus berechtigt. Ein Gegenargument ist jedoch, dass man eine Intensivierung mithilfe von Partikeln sowie Adverbien vornehmen kann! Außerdem stellen sich die Fragen, inwiefern das doppelte Perfekt zu einer Akzentverschiebung beiträgt und ob die Form dazu genutzt wird, um eine abgeschlossene Handlung eindeutig zu markieren.

Doppeltes Perfekt im VIDEO!

In dem folgenden Video lernt ihr, wie man das doppelte Perfekt bildet und wann man es gebraucht.

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