Wir möchten nun versuchen, dass abstrakte System des menschlichen Gedächtnisses darzulegen, in dem einige Speichermechanismen angesprochen werden, die bei der kognitiven Verarbeitung von Informationen einen wesentlichen Anteil haben. Das Langzeitgedächtnis wird dabei eine zentrale Rolle spielen, weil in diesem unser sprachliches Wissen abgespeichert ist, auf das wir zugreifen, wenn wir z.B. einen Text lesen, Nachrichten hören oder ein Gedicht schreiben (vgl. Schwarz-Friesel 2008: 105).

Zunächst können wir uns das menschliche Gedächtnis als eine Art Computer vorstellen, auf dem eine Vielzahl an Informationen abgespeichert werden können. Je nachdem, um welchen Typ von Information es sich handelt, werden unterschiedliche Speicherorte selegiert. Das menschliche Gedächtnis ist untergliedert in drei Komponenten: Einen sensorischen Speicher, einen Kurzzeit- und einen Langzeitspeicher (Atkinson und Shiffrin 1968), von denen unter anderem das Langzeitgedächtnis weiter unterteilt werden kann (siehe Abbildung).

Gliederung des menschlichen Gedächtnisses (in Anlehnung an Altarriba und Heredia 2008: 40)

Im sensorischen Speicher werden alle einströmenden Informationen registriert, auch wenn nur für einige hundert Millisekunden, und wie durch ein Filterprinzip zur weiteren Verarbeitung weitergegeben. Dabei werden diejenigen Reize herausgefiltert, die die Aufmerksamkeit des betreffenden Subjekts erregt haben und gelangen durch die Aufmerksamkeitszuteilung in einen Kurzzeitspeicher, wo sie weiter verarbeitet werden können (Atkinson und Shiffrin 1968; vgl. Schneider 2013: 394).

Im Kurzzeitspeicher, der auch als Arbeitsspeicher (engl. working memory) bezeichnet wird, können die weitergeleiteten Informationen bis zu ca. 30 Sekunden gespeichert werden. Innerhalb des Kurzzeitspeichers sind weitere Subsysteme angelegt, die dafür zuständig sind, dass auditive und visuelle Informationen abgespeichert bzw. erinnert werden können. Die auditive Komponente kann weiterhin unterteilt werden in das artikulatorische und akustische Gedächtnis (Tulving 1972).

Unser Langzeitgedächtnis teilt sich in zwei große Wissensbereiche auf. Einerseits in das sog. deklarative Wissen und andererseits in das sog. prozedurale Wissen. Im deklarativen Gedächtnis wird neben Faktenwissen wie z.B. „Lissabon ist eine Stadt in Portugal“ auch sprachliches Wissen abgespeichert, das Informationen über lexikalische Einheiten sowie der dazugehörigen Inhalts- und Ausdrucksseiten beinhaltet. Folglich geht Ullman (2001) davon aus, dass das mentale Lexikon im deklarativen Gedächtnis anzusiedeln ist. Im Gegensatz dazu werden im prozeduralen Gedächtnis nicht nur Informationen über bestimmte Abläufe gespeichert, die zur Ausführung bestimmter motorischer oder kognitiver Aktionen wie z.B. „Schaukeln“ oder „Fahrradfahren“ notwendig sind, sondern auch über grammatisches Wissen, das Strukturen und Regeln eines Sprachsystems bereitstellt und unbewusst abgerufen werden kann (vgl. Ullman 2001). Die Unterscheidung zwischen deklarativem und prozeduralem Wissen soll eine Orientierung gewährleisten, gerade dann, wenn es darum geht, zu verorten, wo sprachliches und grammatisches Wissen in unserem Gedächtnis verarbeitet werden. Da wir uns im weiteren Verlauf unserer Arbeit damit beschäftigen werden, wie Sprachen in unserem kognitiven Apparatus repräsentiert werden und bestimmte Wörter einer Sprache in unserem Gedächtnis aufgerufen werden können, besonders, wenn wir Sprache hören, sollte zumindest ein grober Überblick über das menschliche Gedächtnis vorhanden sein und überdies klar sein, auf welcher kognitiven „Verarbeitungsebene“ wir uns befinden, wenn wir u.a. über das mentale Lexikon von Mehrsprachigen (Abschnitt 3.3) oder mentale Modelle zum mentalen Lexikon (Abschnitt 3.4) sprechen. Beispielsweise schlägt Tulving (1972) eine weitere Unterteilung des deklarativen Gedächtnisses, in ein semantisches und ein episodisches Gedächtnis vor. Ihm zufolge wird Wissen über Sprache im semantischen Gedächtnis abgelagert, wohingegen Wissen über autobiographische Ereignisse im episodischen Gedächtnis abgespeichert wird (Tulving 1972):

„Episodic memory refers to memory for personal experiences and their temporal relations, while semantic memory is a system for receiving, retaining, and transmitting information about meaning of words, concepts, and classification of concepts.“(Tulving 1972: 386)

Eine Unterscheidung beider Wissensbereiche muss hinsichtlich der Kodierung der Informationen gemacht werden, bevor diese gespeichert werden. Im semantischen Gedächtnis können Informationen wie enzyklopädisches und sprachliches Wissen ohne Bezug  auf eine temporale Relation abgespeichert werden. Im Gegensatz dazu werden im episodischen Gedächtnis Informationen gespeichert, die über eine mnemonische Kodierung über das zeitliche Geschehen verfügen (vgl. Tulving 1972). Wir möchten es bei dieser kurzen Überblicksdarstellung zum menschlichen Gedächtnis belassen, da es lediglich darum ging,  das mentale Lexikon in einen Speicher zu verorten, den das komplexe System des menschlichen Gedächtnisses für uns bereithält. Mit der Verortung des mentalen Lexikons in das semantische Gedächtnis, das Teil unseres Langzeitgedächtnisses ist, möchten wir tiefer in die Strukturen des menschlichen Gedächtnisses eindringen und uns mit dem mentalen Lexikon von Mehrsprachigen auseinandersetzen. Festzuhalten für den weiteren Verlauf der Arbeit ist, dass Worterkennung nur erfolgen kann, wenn das Langzeitgedächtnis bereits über die entsprechenden Einträge verfügt.[1]

[1] Einen umfassenden Überblick über die Speicherung von lexikalischen und grammatischen Informationen gibt Ullman (2001) in seinem deklarativ-prozeduralen Modell. Für weiterführende Informationen zum episodischen und semantischen Gedächtnis siehe u.a. Gluck et al. (2008); Brysbaert et al. (2014); für eine Darstellung der beteiligten Hirnregionen, die beim Zugriff auf das episodische und/ oder semantische Gedächtnis aktiviert werden, u.a. Gluck et al. (2008).