In aller Prägnanz widmen wir uns zunächst dem portugiesischen Phoneminventar und stellen beispielhaft einige Minimalpaare zur Kennzeichnung der distinktiven Funktion von Phonemen dar. Für diejenigen Fälle, für die wir eine komplementäre Verteilung bzw. Distribution annehmen, greifen wir auch den Begriff der Allophonie auf. Aufgrund des vergleichenden Charakters dieser Abhandlung, sind vor allem die sprachspezifischen Besonderheiten von großem Interesse, die zum einen das Portugiesische von anderen Sprachen abgrenzt und zum anderen innerhalb des Portugiesischen unmarkiert ist. Weiterhin betrachten wir das Konsonantensystem als Ganzes und gehen auf den Aspekt der Symmetrie ein.

1 Konsonantenphoneme des Portugiesischen und Deutschen

Bei der Klassifikation der portugiesischen Konsonantenphoneme herrscht eine weitestgehend homogene Auffassung darüber, was die Anzahl der Phoneme anbelangt. So zählen etwa Azevedo (2005) und Endruschat et al. (2008) jeweils 19 Phoneme. Auch wir teilen diese Ansicht und zeigen in (1) tabellarisch die konsonantischen Phoneme des Portugiesischen auf. Die Darstellung der portugiesischen Konsonantenphoneme erfolgt komparativ, in dem wir die nicht nur das portugiesische, sondern auch das deutsche Konsonantensystem erfassen.

(1) Konsonantenphoneme des Portugiesischen und des Deutschen (in Anlehnung an Almeida et. al 1977: 23)

bilabial labiodental alveolar postalveolar palatal velar uvular glottal
Plosiv p b t d k g (Ɂ)
Frikativ f v s z ʃ ʒ (ç) (x) (h)
Nasal m n ɲ (ŋ)
Lateral l ʎ
Vibrant ʀ
Tap ɾ
Gleitlaut (j)

Um die Unterschiede zwischen der deutschen und portugiesischen Sprache zu kennzeichnen, wurden einige Phoneme in Klammern gesetzt oder fettgedruckt. Ausschließlich zum deutschen Phonembestand gehören der palatale Frikativ /ç/, der velare Frikativ /x/, der glottale Plosiv /Ɂ/, der glottale Frikativ /h/ und der velare Nasal /ŋ/. Der palatale Approximant /j/ wird hier in Klammern gesetzt, da er im Portugiesischen nicht zu den Konsonantenphonemen, sondern zu den Vokalphonemen gezählt wird. Daher wird der palatale Approximant in dieser Arbeit nicht weiter berücksichtigt. Umgekehrt gehören die fettgedruckten Konsonanten ausschließlich zu den Phonemen des Portugiesischen. Alle weiteren Phoneme sind in beiden Sprachen zu finden.

Der tabellarischen Anordnung der Konsonantenphoneme in (1) können wir nun drei wichtige Parameter entnehmen: Artikulationsort, Artikulationsart und Stimmhaftigkeit. Dieser Parameter werden zur Klassifizierung der Phone einer Sprache herangezogen werden (vgl. Hall 2000: S. 5f.).[1] Die Phoneme /p/ in <pai> und /t/ in <tia> unterscheiden sich beispielsweise ausschließlich hinsichtlich des Artikulationsortes. Der Laut /p/ wird bilabial und /t/ alveolar produziert. Gemeinsam haben die beiden Phoneme die Artikulationsart sowie den Aspekt der Sonorität. Beide Laute sind stimmlose Plosive.

Bei der Klassifikation von Phonemen einer Sprache spielt die lautliche Umgebung eine ganz entscheidende Rolle. Wenn sich zwei Laute, die sich hinsichtlich der Artikulationsortes, der –art oder der Stimmhaftigkeit (Sonorität) auf in derselben lautlichen Umgebung befinden, sich die Bedeutung der lautlichen Abfolge bzw. des Wortes jedoch verändern, sprechen wir von einem Minimalpaar. Die Laute nehmen eine distinktive Funktion ein und werden daher als zwei verschiedene Phoneme klassifiziert. Im Folgenden stellen wir exemplarisch einige Minimalpaare dar, um die Herangehensweise bei der Determination von Phonemen zu verdeutlichen.

(2) Minimalpaare:

/b/:       [balɐ] „Kugel“ /p/:       [palɐ] „Schirm (de boné)“
/m/:      [malɐ] „Koffer“ /s/:       [salɐ] „Zimmer“
/t/:        [ter] „haben“ /v/:       [ver]     „sehen“
/z/:       [zɨlar] „wachen“ /s/:       [sɨlar]  „versiegeln, stempeln“
/n/:       [sˈo.nu] /ɲ/:       [sˈo.ɲu]
/l/:        [vˈɛ.lɐ] /ʎ/:       [vˈɛ.ʎɐ]
/r/:        [kˈa.ɾu] /R/:      [kˈa.ʀu]

Die Minimalpaare in (2) zeigen, dass sich die Lautpaare in jeweils einer Position unterscheiden und dadurch eine Bedeutungsunterscheidung hervorgerufen wird. Die Laute kontrastieren, da sie immer in derselben lautlichen Umgebung vorkommen, dennoch eine Bedeutungsunterscheidung hervorrufen. So stehen beispielsweise die Laute /ɾ/ und /ʀ/ beide silbeninitial und sind in dieselbe lautliche Umgebung eingebettet. Dennoch bedeutet [kˈa.ɾu] ‚teuer‘ und [kˈa.ʀu] ‚Auto‘. Die Laute [r] und [ʀ] stehen in Kontrast zueinander.

Allerdings gibt es auch Laute, die nicht kontrastiv verteilt sind, aber durch unterschiedliche Aussprachevarianten gekennzeichnet sind. Diese Varianten eines Phonems werden Allophone eines Phonems genannt.

1.1 Allophonie

Wie wir in 2.1 bei der Betrachtung des portugiesischen Konsonantensystems festgestellt haben, können einzelne Phoneme durch die Bildung von Minimalpaaren klassifiziert werden, da die betroffenen Laute kontrastieren. Von Allophonie spricht man dagegen, wenn ein oder mehrere Phone einem Phonem untergeordnet werden können bzw. wenn ein Phonem durch unterschiedliche phonetische Realisierungen, die jeweils kontextabhängig sind, realisiert wird. Dabei gibt es neben kombinatorischen auch freie Varianten, auf die wir im Folgenden zu sprechen kommen.[2] Betrachten wir zunächst die schematische Darstellung der Allophone im Portugiesischen in (3):

 (3) Allophone im Portugiesischen

Phoneme

 

Phone

/b/

 

[b]             [β]

/d/

 

[d]             [δ]

/g/

 

[g]             [γ]

/l/

 

[l]                     [ƚ]

Beispiele: bater

abordar

dor

idade, cedo, cada

gato

água, fogo

lua

sal, alto

 

Im Portugiesischen sind Allophone vor allem bei den stimmhaften Plosiven /b, d, g/ anzutreffen. Außerdem kann der stimmhafte Lateral /l/ durch die Phone [l] und [ƚ] realisiert werden.

In den Beispielen für die phonetischen Varianten des Phonems /l/ geht hervor, dass das Phon [l] immer wortinitial aufzutreten scheint, wohingegen das Phon [ƚ] immer wortfinal produziert wird. Wir sprechen in diesem Fall von kombinatorischen Varianten, d.h. von Lauten, die komplementär distribuiert sind, weil sie nie in derselben lautlichen Umgebung auftreten. Aufgrund der phonetischen Ähnlichkeit werden diese Laute jedoch einem Phonem zugeordnet. Auch die Phone des jeweiligen Phonems /b/, /d/ und /g/ treten nie in dem gleichen lautlichen Kontext auf. Wohingegen [b], [d] und [g] immer wortinitial stehen, werden [β], [δ] und [γ] immer intervokalisch, d.h. zwischen zwei Vokalen, realisiert. Bei der freien Variante werden im Gegensatz zu den kombinatorischen Varianten nicht kontextabhängige Aussprachemöglichkeiten betrachtet, sondern Phone, die zwar in derselben Umgebung stehen, aber unterschiedlich realisiert werden. Die Bedeutung des Wortes wird durch die unterschiedliche Realisierung eines Phonems nicht verändert, weshalb wir hier von freien oder fakultativen Varianten sprechen (siehe dazu auch Grassegger 2001: S. 86f.).

 1.2 Symmetrie

Beim Betrachten des portugiesischen Phonemsystems für Konsonanten (z.B. Almeida 1977: 23) fällt eine gewisse Symmetrie auf. So wird schnell ersichtlich, dass jeder Plosiv einen stimmhaften bzw. stimmlosen Gegenüber hat. Die stimmlosen Plosive [p], [t], [k] werden durch ihre stimmhafte Variante [b], [d] und [g] ergänzt. Dieses Phänomen taucht in vielen Sprachen der Welt auf (Vgl. Hall 2000: 81). Das Gleiche gilt für die Frikative, denn auch hier findet man zu jedem der stimmlosen frikativen Laute [f], [s], [ʃ] eine stimmhafte Variante: [v], [z] und [ʒ]. Das ist nicht verwunderlich, da, „wenn eine Sprache vier oder mehr Frikative besitzt, […] meist Stimmhaftigkeit in Anspruch genommen [wird]“ (ebd.: 83).

Die Nasale [m, n, ɲ,], die Laterale [l, ʎ], der Vibrant [ʀ] und der geschlagene Laut [r] haben in Bezug auf die Stimmhaftigkeit kein direktes Gegenstück. Dass die portugiesische Sprache nur stimmhafte Nasale bildet ist nicht verwunderlich, da „in den weitaus meisten Sprachen der Welt“ Nasale nur als stimmhafte Laute vorkommen (Grassegger 2001: 47). So steht es auch mit dem Vibranten, „der in den Sprachen der Welt relativ selten und dann meist stimmhaft“ auftritt (ebd.) und mit den Lateralen, die ebenfalls „überwiegend stimmhaft gebildet werden“ (ebd.: 50).

Nimmt man die Artikulationsorte des phonetischen Konsonantensystems genauer in den Blick, zeigt sich, dass die Phoneme der einzelnen Artikulationsarten relativ gleichmäßig über das Ansatzrohr verteilt liegen. Die Plosive nutzen den Mundraum am meisten aus und werden mit Hilfe eines Verschlusses sowohl unter Beteiligung der Lippen, des Zahndamms als auch des weichen Gaumens gebildet. Die Artikulation der Frikative geschieht zwischen den Artikulationsorten labiodental und postalveolar (labiodental, alveolar, postalveolar). Dadurch, dass es nicht nur den bilabialen Nasal [m] und den alveolaren Nasal [n] gibt, sondern auch den palatalen [ɲ]-Laut, liegen auch diese Konsonanten „von vorne nach hinten“ gut verteilt. Da es zwei Realisierungen eines r-Lautes gibt (uvularer Vibrant und alveolarer Schlaglaut), lässt sich an dieser Stelle ebenfalls hinsichtlich der Anzahl und hinsichtlich der Verteilung der Artikulationsorte Symmetrie erkennen.

2 Vokalphoneme des Portugiesischen und Deutschen

In der folgenden Abbildung (4) ist ein Vokaltrapez zu sehen, das eine vergleichende Darstellung der deutschen und portugiesischen Vokalphoneme zulässt und Differenzen zwischen beiden Vokalsystemen aufzeigt.

Abb. 4: Vergleichende Gegenüberstellung der deutschen und portugiesischen Vokalphoneme (adaptiertes Vokaltrapez nach Noack 2010: 34 für die deutschen und Barroso 1999: 80.)

Wie der Abbildung zu entnehmen ist, sind etwa der hintere halb geschlossene Vokal /ʊ/ wie z.B. in Bulle in der portugiesischen Standardaussprache nicht vorzufinden, weshalb angenommen werden könnte, dass portugiesische Deutschlerner diesen Laut als [u] wahrnehmen, wie er im phonologischen Kompetitor bule ‚Teekanne‘ vorzufinden ist. Dieser Laut wäre zudem, wenn wir wie Weber und Cutler (2004) und Cutler et al. (2006) nach phonetischen Gesichtspunkten argumentieren, nicht weit entfernt von dem in der L1 existierenden Kategorie /u/ und könnte ein Mapping von den phonetischen Strukturen auf die lexikalische Ebene der L1 erklären.

Um die Ergebnisse aus Weber und Cutler (2004), Spivey und Marian (1999) und unserer Arbeit in ein Modell zu implementieren, dass die unterschiedlichen Sprachhintergründe der Versuchspersonen einerseits und differente Sprachkompetenzniveaus berücksichtigen zu können, schlagen wir unten in Abb. 5 ein crossmodales Modell zur auditiven Worterkennung von „Falschen Freunden“ bei Mehrsprachigen vor, das diese Aspekte zu berücksichten versucht. Bei unserem Modell handelt es sich um ein hybrides Modell, indem relevante Aspekte des RHM- sowie BLINCS-Modells miteinander kombiniert werden. Die gestrichelten Linien erfüllen die gleiche Funktion wie im RHM-Modell und weisen auf die Stärke der Verbingungen zwischen den Ebenen hin, die bei steigender Sprachkompetenz eine andere Dimension einnehmen kann (siehe hier). Auf der sublexikalen Ebene wird das einströmende phonetische Signal verarbeitet und durch Knoten repräsentiert, die darauf hinweisen sollen, dass manche Phoneme entweder zu einem sprachspezifischen Modul gehören oder zu beiden. Dabei stellen die schwarzen Knoten Phoneme dar, die Bestandteil beider Phonemsysteme sind. Die grauen Knoten stehen für Phoneme aus dem portugiesischen und die weißen für Phoneme aus dem deutschen Sprachsystem. Die Funktion der zwischengeschalteten Silbenebene entspricht der beschriebenen Funktion im BLINCS-Modell (vgl. auch Shook und Marian 2013). Bei der Konzeptebene bestehen keine Verbindungen zwischen beiden Sprachen, da falsche Freunde meist über differente Bedeutungen verfügen.[3]

Abb. 5: Crossmodales Modell zur auditiven Worterkennung von „Falschen Freunden“ bei Mehrsprachigen (in Anlehnung an Shook und Marian 2013: 306; Kroll und de Groot, Annette M. B. 1997: 190 und Kroll und Stewart 1994: 158)

[1] Die drei Parameter Artikulationsort, Artikulationsart und Stimmhaftigkeit setzen wir für diese Arbeit voraus. Aus diesem Grund werden wir nicht weiter auf diese Begriffe eingehen.

[2] Vgl. Grassegger, Hans (2001): Phonetik. Phonologie. Idstein: Schulz-Kirchner Verlag, S. 85.

[3] Die falschen Freunde Koffer und cofre ‚Geldschrank‘ scheinen diese Ansicht zu widerlegen. Obwohl zwar auf den ersten Blick kein Bedeutungszusammenhang zu bestehen scheint, könnte argumentiert werden, dass sie, auch wenn nur geringfügig, bestimmte gemeinsame Assoziationen hervorrufen. So könnte ein semantisches Merkmal [+verschließbar] angenommen werden, dass beide Einträge im konzeptuellen Speicher miteinander vernetzt. Oder man denke an Actionfilme, in denen ein Banküberfall inszeniert wird, bei dem Geld aus einem Geldschrank entwendet und für die Flucht in einem Koffer verstaut wird, wodurch ähnliche konzeptuelle Verknüpfungen herausgebildet werden könnten.