Eine Sprachkontaktsituation kann aus linguistischer Sicht sehr tiefreichende Modifikationen auf die Minderheitensprache bewirken, die nicht nur lexikaler Art sind wie bei Entlehnungen. Modifikationen können genauso phonologisch-phonetischer, semantischer oder morphosyntaktischer Art sein. Für die Genusvergabe der Lehnwörter sind v.a. Modifizierungen des dt. in Brasilien (im Vergleich zur dt. Hochsprache) festzustellen, die auf semantische Gesichtspunkte und einer morphosyntaktischen Analogiesetzung zurückzuführen sind.  Unter der morphosyntaktischen Analogiesetzung bezüglich der Genusselektion des Lehnwortes verstehen wir die Übernahme des Genus des portugiesischen Ausgangswortes der Entlehnung. Für die morphosyntaktische Analogiesetzung des Genus belegt Baranow (1973: 266) z.B. pg. o bonde (m.) > dtb. der Bond (m.) (dt. ‚die Straßenbahn‘ (f.)) . Wie Baranow (1973: 267) erwähnt, wird das Genus des Lehnwortes durch das portugiesische Ausgangswort der Entlehnung determiniert, was daran festgemacht werden kann, dass das Genus nicht mit dem des deutschen Äquivalents übereinstimmt. Ein anderer Fall liegt vor, wenn das Genus des portugiesischen Lehnwortes durch das entsprechende dt. Äquivalent determiniert wird. Für diesen Typ der Genuszuweisung nennt führt Baranow (1973: 267) u.a. die Beispiele pg. o edifício (m.) > dtb. das Edifício (n.) (dt. ‚das Haus, Gebäude‘(n.)) und pg. o banco (m.) > dtb. die banco (f.) (dt. ‚die Bank‘ (f.) im Sinne von Geldinstitut). Zusammenfassend argumentiert Baranow (1973: 268), dass bei schriftlich belegten Lehnwörtern, „in der Mehrzahl der Fälle das portugiesische Vorbild bestimmend ist“. Hinsichtlich der Genuszuweisung in der gesprochenen Sprache verweist Baranow (1973: 268, Anm. 1) auf die Arbeit Fausels (1959), der für eine vom dt. Äquivalent geleitete Genusdetermination argumentiert. Wie bereits erwähnt, hat Baranow (1973) die pg. Lehnwörter zusätzlich auf mögliche Interferenzen bezüglich des morphosyntaktischen Merkmals Numerus hin analysiert. Baranow (1973: 269) stellt fest, dass Lehnwörter, dann als morphosyntaktisch als integriert anzusehen sind, wenn diese durch die Verwendung dt. Numerusmarker gekennzeichnet sind. So belegt Baranow (1973: 269) u.a. die Lehnwörter Bandeiranten (m.), Charuten (m.) und Fazenden (f.), die sich durch den Pluralmarker /-en/ charakterisieren lassen und jeweils von den portugiesischen Wörtern bandeirantes (m.), charutos (m.) und fazendas (f.), die die Pluralmarker /es/, /-os/ und /-as/ aufweisen, abgeleitet wurden. Durch die einheitliche Verwendung des im deutschen repräsentativen Pluralmarkers /en/, sieht Baranow (1973: 269) eine morphosyntaktische Integration auch deshalb als plausibel an, da sich diese Lehnwörter „in bestehende deutsche Lehnmuster einfügen“ und schließlich intuitiv nach der im dt. regelhaften schwachen Pluralbildung gebildet werden können.[1] Eine ähnliche Argumentation ist in der Duden-Grammatik (2006: 190) anzutreffen, wo am Beispiel die Integration des it. Lehnwortes Konto drei Phasen zu durchlaufen schien. Die erste Phase ist durch das Hinzufügen des Pluralmarkers /-i/ als nicht integriert anzunehmen. In der zweiten Phase wird der Pluralmarker /-i/ durch den Marker /-s/ ersetzt, der bei Fremdwörtern im Deutschen sehr oft in Erscheinung tritt. Die dritte und letzte Phase kann als vollständig abgeschlossene Assimilation des it. Lehnwortes Konto aufgefasst werden, da der Default-Marker /-s/ durch den Pluralmarker /-en/ ersetzt wird, der nach der Argumentation in der Duden-Grammatik 2006: 190 den Vorteil hat, „dass er zum silbischen Grundmuster der deutschen Pluralformen führt, nämlich einer Abfolge von betonter Silbe mit Vollvokal und unbetonter Silbe ohne Vollvokal“. In der portugiesischen Sprache hat, wie wir in der kontrastiven Darstellung der dt. und der pg. Nominalflexion in 2.4 sehen werden, der Pluralmarker /-s/ einen sehr hohen Stellenwert. Da die Pluralbildung im Portugiesischen bei einigen Wörtern von zugrundeliegenden, phonologischen Regeln begleitet wird, sind diese neben dem Pluralmarker /-s/ zusätzlich zu beachten. Ähnliches vollzieht sich auch in der dt. Sprache mit der Umlautung, wobei diese in der ersten Silbe eines bisyllabischen Wortes auftritt. Die Problematik ergibt sich jedoch daraus, dass der Pluralmarker /-s/ in beiden Sprachen vorhanden ist. Dieses Problem klingt auch in Baranow (1973) an, wenn doch dies anhand seiner Äußerung zum Pluralmarker /-s/, das dieser zwar „beiden Kontaktsprachen gemeinsam sei und somit eine breite analogische Grundlage für entlehnte Nomina bilde“ (vgl. S. 270) nicht ganz eindeutig wird. Baranow (1973) zielt mit der Aussage womöglich darauf ab, die analoge Grundlage des Pluralmarkers /-s/ als sprachökomischen Aspekt zu definieren, der die Pluralbildung der pg. Lehnwörter simplifizieren mag. Dennoch erschwert diese analoge Grundlage eines Pluralmarkers, den beide Sprachen gemeinsam haben, eine konkrete Beschreibung der Numerusvergabe von Lehnwörtern, denen der Pluralmarker /-s/ zukommt, erheblich, da nicht eindeutig wird, ob dieser schlichtweg übernommen oder aus phonologischen, morphologischen oder sogar semantischen Aspekten vom deutschen, grammatischen Morphem- bzw. Markerinventar übernommen wurde. Diesen Aspekten können wir im empirischen Teil unserer Arbeit genauer nachgehen, da wir nicht nur schriftlichen Belegen nachgehen, sondern zudem Deutschbrasilianer sowie dt. Muttersprachler, die keinen Kontakt zur portugiesischen Sprache haben, um eine Genuszuweisung zu bestimmten Lehnwörtern sowie zur Bearbeitung eines Lückentextes gebeten haben, der uns Aufschluss über die Numerus- und Kasusmarkierung der Lehnwörter geben wird. Was die Erfassung der Genuszuweisung von englischen Lehnwörtern betrifft, so ist die Auswahl an einschlägiger Literatur groß, wobei wir uns auf die Arbeiten von Gregor (1983) und Chan (2005) beschränken mussten. Gregor (1983) zufolge vollzieht sich der Spracherwerb von bilingualen Sprechern nach einem hierarchischen System, das jedoch den gleichzeitigen Erwerb beider Sprachen ausschließt, indem Gregor (1983: 27) behauptet, dass „die zweite Sprache nur in Abhängigkeit von der ersten gekonnt wird, da sich ihr Erwerb über interlinguale Identifikation mit der ersten vollzieht“. Weiter nimmt er einen Großteil seiner Ergebnisse vorweg, da er sich nicht selten auf die eben erwähnte „interlinguale Identifikation“ (Gregor 1983: 27) stützt. Mit der interlingualen Identifikation ist nach Gregor 1983 lediglich der Prozess der Vergleichs von den Sprachsystemen der Geber- und der Nehmersprache gemeint, durch den meist durch Rückgriff auf bestehende Regeln in der Nehmer- bzw. Empfängersprache das Genus zugeordnet wird. So bezeichnet Gregor (1983: 42) diesen Typ der Genusvergabe als „Genusassignation“, die dadurch charakterisiert ist, dass dem englischen Lehnwort ein entsprechendes, deutsches Äquivalent zugeordnet wird, auf dessen Genus bei der Entlehnung zugegriffen wird. In der empirischen Untersuchung in Abschnitt 4 möchten wir diesen Typ der Genuszuordnung als semantische Analogie (vgl. auch Chan 2005: 103) bezeichnen, die letztendlich als Auslöser der Genusvergabe anzuerkennen ist. In der Untersuchung von Chan (2005) wird der hohe Stellenwert der semantischen Kriterien bei der Genusselektion englischer Lehnwörter nochmals unterstrichen. Dennoch werden in ihrer Untersuchung neben den semantischen Regeln[2] auch die morphologischen und phonologischen Regeln für eine Genuszuordnung in aller Ausführlichkeit behandelt. Chans Untersuchung (2005) enthält zudem eine detaillierte Übersicht im Anhang bereit, durch die zugrundeliegende Regeln für die Genuszuweisung englischer Lehnwörter bereitgestellt werden. Diese kann für Vergleichszwecke im Rahmen unserer Arbeit herangezogen werden, da in der empirischen Untersuchung in Abschnitt 4 vor allem mit Übereinstimmungen semantischer Natur bei der Genusvergabe der portugiesischen Lehnwörter zu rechnen ist.

[1] Baranow (1973: 270) bezieht sich auf pg. Lehnwörter, die  man zum einen bezüglich des Sprachgebrauchs als frequent ansehen kann und die zum anderen mit den Wortendungen –ant, -ent und –ist auslauten.

[2] Zu den semantischen Prinzipien für eine regelbasierte Genuszuweisung englischer Lehnwörter zählt Chun (2005) das natürliche Geschlechtsprinzip (S. 87), das generische Genusprinzip (S. 91). Das semantische Klassenprinzip und das Leitwortprinzip. Des Weiteren führt Chun (2005: 103, 106) das semantische Äquivalent an, das die Genusvergabe des Lehnwortes determiniert sowie das Cognate-Prinzip.