Die Beschäftigung mit Mehrsprachigen führte dazu, dass man sich in einschlägigen Arbeiten damit beschäftigte, Aussagen darüber zu treffen, wie die verschiedenen Sprachen eines mehrsprachigen Individuums kognitiv verarbeitet, abgerufen und repräsentiert werden. Hierzu wurden bereits einige Modelle vorgeschlagen, die wir im Folgenden skizzieren möchten.

Ein erster Versuch, die mentale Repräsentation von Sprachen bilingualer Sprecher abhängig vom Typ des Spracherwerbs einerseits und der Sprachkompetenz des Sprechers andererseits zu kategorisieren, geht auf Uriel Weinreich (1953) zurück. Er schlägt drei Modelle vor, die sich auf bilinguale Sprecher beziehen und jeweils unterschiedliche Formen des Spracherwerbs und der Sprachkompetenz darstellen sollen. Schließlich erhalten wir drei verschiedene Modelle, die jeweils aufzeigen, wie die Sprachen bilingualer Sprecher im kognitiven Speicher angelegt und miteinander verknüpft sein könnten. Dazu orientiert sich Weinreich an Ferdinand de Saussures (1916) bilateralen Zeichenmodell und  bildet identisch zu Saussure, der annimmt, dass sich ein sprachliches Zeichen aus einer Ausdrucks- und Inhaltsseite zusammensetzt, eine lexikalische Ebene ab, die lautliche Informationen bereitstellt und eine konzeptuelle, die den Abruf von semantischem Wissen ermöglicht. [1]  Versuchen wir nun zu erklären, wie Ausdrucks- und Inhaltsseite als abstrakte Einheit im Gedächtnis eines bilingualen Sprechers repräsentiert werden, stoßen wir auf verschiedene Modelle (Abb. 1), in denen Bezeichnendes und Bezeichnetes unterschiedlich miteinander verknüpft werden.

Abb. 1: Mentale Repräsentation von Zweisprachigkeit nach Weinreich (1953: 9f.) (Abbildung in Anlehnung an Heredia und Cieślicka 2014: 13)

Typ a) bezeichnet eine zusammengesetzte Zweisprachigkeit (compound bilingualism), die sich in Bezug auf bilinguale Sprecher des Deutschen und Portugiesischen  (dt.-pg.-Sprecher) dadurch auszeichnet, dass sie auf ein gemeinsames Konzept für carro oder auto zugreifen können, dieses jedoch mit jeder Sprache getrennt bzw. sprachspezifisch vollziehen. Typ b) zeigt eine koordinierte Zweisprachigkeit, bei der angenommen wird, dass jede Sprache getrennt im mentalen Lexikon abgespeichert wird und folglich der Zugriff auf die konzeptuelle und lexikalische Ebene für jede Sprache getrennt erfolgt. Letztlich zeigt Typ c) eine untergeordnete Zweisprachigkeit, bei der nur die Erstsprache (L1) direkt mit dem Konzept verbunden ist und ein Zugriff von der weniger ausgeprägten Sprache nur indirekt über die L1 erfolgt (Heredia und Brown 2004; Riehl 2014). Dieser Fall trifft z.B. bei portugiesischen Muttersprachlern zu, die Deutsch als Fremdsprache erwerben und oft über Übersetzungsäquivalente Zugang zur Sprache bekommen. Ich möchte dies an einem konkreten Beispiel erläutern. Ein Versuch, die folgende Vokabelliste in Abb. 2 auswendig zu lernen, wird zeigen, dass bei der Wiederholung der Vokabeln eine Lernrichtung (von links nach rechts oder umgekehrt) bevorzugt verwendet wird. Als Muttersprachler des Deutschen wird man sehr wahrscheinlich feststellen müssen, dass man z.B. das Wort descanso schneller mit dem Deutschen Wort Entspannung verknüpft, als umgekehrt, wenn man ausgehend vom deutschen Wort auf das portugiesische Übersetzungsäquivalent zugreifen möchte.

Abb. 2: Vokabelliste portugiesisch-deutsch

Die von Weinreich (1953) eingeführten Modelle bildeten eine Grundlage für weitere Forschungen, die sich mit der kognitiven Verarbeitung von Sprache und dessen mentalen Repräsentation bei Mehrsprachigen auseinandersetzen und wurden fortan wieder aufgegriffen und weiterentwickelt. Da wir in dieser Arbeit u.a. das Ziel verfolgen, Aussagen über den lexikalen Zugriff von späten L2-Lernern machen zu wollen, ist ein Blick auf die bisherigen Modelle zur Organisation des mentalen Lexikons von Mehrsprachigen unausweichlich. Aus diesem Grund werden wir uns in den nächsten Teilabschnitten verschiedenen Modellen widmen, die der Frage nachgehen, wie Mehrsprachigkeit im mentalen Lexikon repräsentiert wird.

[1] Aus dem bereits viel zitierten Werk „Cours de Linguistique Générale“ (1916), bei dem es sich um Mitschriften aus den Vorlesungen Ferdinand de Saussures handelt, die von seinen ehemaligen Studenten Charles Bally und Albert Sechehaye festgehalten wurden, geht hervor, dass Saussure ein sprachliches Zeichen definiert, das eine Ausdrucks- (image acoustique) und eine Inhaltsseite (concept) vereint. Nach Saussure handelt es sich bei einem sprachlichen Zeichen um eine psychische Entität, die aus zwei Seiten besteht. Die Ausdrücke concept und image acoustique ergänzt er durch signifié und signifiant, da die Opposition zwischen den beiden Seiten eines sprachlichen Zeichens besser markiert werden könne (vgl. Saussure  1916).

1 Hierarchical Models

Die eingeführten Modelle Weinreichs (1953) wurden mit den hierarchischen Modellen  (hierarchical models) wieder aufgenommen und weiterentwickelt. Eine erste Modifikation, wenn doch in geringem Maße, erfahren die Modelle Weinreichs bei Potter et al. (1984), wo einerseits die zusammengesetzte Zweisprachigkeit und andererseits die subordinierte Zweisprachigkeit erneut aufgegriffen worden sind. Im Unterschied zu Weinreich, der sich bei seiner Klassifikation der verschiedenen Typen von Zweisprachigkeit mit konkreten Wörtern beschäftigte, erfolgt bei Potter et al. eine hierarchische Darstellung von zwei abstrakten Bereichen, nämlich einer konzeptuellen Ebene und einer lexikalen, die wiederum über ein mentales Lexikon für die L1 und ein weiteres für die L2 verfügen (siehe Abb. 3).

Abb. 3: Word Association Model (links) und Concept Mediation Model (rechts) (adaptiert aus: Potter et al. 1984)

Das Word Association Model wurde in Analogie zu Weinreichs Vorschlag zur Darstellung der subordinierten Zweisprachigkeit entwickelt. Wie wir der Darstellung in Sprachkompetenz scheint dabei ein wesentlicher Indikator zu sein, um Aussagen darüber zu treffen, nach welchem Verfahren auf die Bedeutung eines Wortes zugegriffen wird. Solange die Zweitsprache als „schwächere“ Sprache eingestuft wird, erfolgt der Zugriff auf die Bedeutung in Assoziation zur L1.

Beim Concept Mediation Model besteht keine direkte Verbindung zwischen L1 und L2, wodurch geschlussfolgert werden kann, dass die beiden Sprachen unabhängig voneinander aufgegriffen werden können und schließlich auch unabhängig voneinander mit der konzeptuellen Ebene interagieren. Für einen bilingualen pg.-dt. Sprecher hat dies zur Folge, dass es keine Rolle spielt, ob dieser mit dem dt. Wort Auto oder dem pg. Wort carro auf das Konzept ‚Auto‘ zugreift.

Kroll und Stewart (1994) argumentieren, dass die Verbindungen zwischen L1 und L2 sowie zwischen L2 und dem Konzept bei bilingualen Sprechern je nach Sprachbeherrschung unterschiedlich ausgeprägt sind. Sie nehmen an, dass der Zugriff auf die L2 mit steigender Sprachkompetenz häufiger über die konzeptuelle Ebene vorgenommen wird und weniger über die lexikale Ebene, d.h. durch Assoziation mit dem Übersetzungsäquivalent aus der L1. In drei Experimenten haben Kroll und Stewart (1994) versucht herauszufinden, ob der Zugriff auf die semantischen Informationen eines Wortes bzw. Konzepts durch die Manipulation einer bestimmten Variable nachgewiesen kann. In zwei Experimenten sollten 16 Studenten mit Englisch als Muttersprache Bilder und Wörter benennen, die entweder nach semantischen Kategorien geordnet oder willkürlich angeordnet präsentiert wurden. Bei den Wörtern handelte es sich um die englischen Entsprechungen zu den einzelnen Bildern. Aufgabe der Probanden war es, die angezeigten Bilder oder Wörter schnellstmöglich auf Englisch zu benennen. Kroll und Stewart (1994) fanden heraus, dass der Zugriff auf die L1 bei der Bildbenennungsaufgabe durch den semantischen Kontext beeinflusst wird und der Zugriff letztlich länger dauert, als wenn Bilder in einer randomisierten Reihenfolge angezeigt werden. Ferner zeigten ihre Ergebnisse, dass der Einfluss der semantischen Kategorie aufgehoben wird, wenn die Stimuli abwechselnd präsentiert (erst Bild, dann Wort usw.) werden (vgl. Kroll und Stewart 1994). In einem anschließenden Experiment gehen Kroll und Stewart (1994) der Frage nach, ob die Übersetzung der L1 in die L2 im Gegensatz zur Übersetzung der L2 in die L1 dadurch beeinflusst werden kann, dass die zu übersetzenden Wörter in semantischen Kategorien geordnet oder semantisch ungeordnet dargeboten werden. Dieses Experiment wurde mit holländischen Studenten durchgeführt, deren L2 Englisch ist. Auf unsere Zielgruppe bezogen würde sich etwa die Frage stellen, ob z.B. Übersetzungen von pg.-dt. Sprechern aus der L1 in die L2 auf der konzeptuellen Ebene beeinflusst werden könnten, wenn der visuelle Stimulus manipuliert wird. In einer Bedingung würden die zu übersetzenden Wörter nach semantischen Kategorien wie z.B. autocarro, comboio und avião (allesamt Verkehrsmittel) angeordnet, wohingegen diese in einer weiteren in einer willkürlichen Anordnung wie z.B. autocarro, dentista und tulipa präsentiert würden. Kroll und Stewart (1994) nahmen an, dass die semantische Anordnung von Übersetzungen (geordnet vs. ungeordnet) aus der L1 in die L2 mit unterschiedlichen Verarbeitungszeiten verbunden ist, da die konzeptuelle Ebene aktiviert wird, wodurch Übersetzungen aus der L1 in die L2 beeinflusst werden könnten. Schließlich konnten sie zeigen, dass die kategorische Anordnung der Stimuli im Verhältnis zu der willkürlichen Anordnung tatsächlich mit einer längeren Verarbeitungszeit verbunden war, wenn die Probanden von ihrer L1 in die L2 übersetzen sollten. Für die Übersetzung aus der L2 in die L1 konnten dagegen kein Einfluss der kategorischen Anordnung festgestellt werden. Dieser Befund spricht für die Annahme, dass die L2 auf der lexikalen Ebene mit der L1 verknüpft ist und direkt über diese übersetzt wird.

Das Revised Hierarchical Model von Kroll und Stewart (1994) (Abb. 4) ist im Unterschied zu den vorangegangenen Modellen als dynamisch anzusehen, da es in Abhängigkeit zur Sprachkompetenz der L2 angepasst werden muss. Daraus folgt, dass die Interaktion zwischen den jeweiligen Ebenen je nach Kompetenzgrad unterschiedlich stark ausgeprägt ist.

Abb. 4: Revised Hierarchical Model (RHM) (adaptiert aus: Kroll und Stewart 1994: 158)

Ein entscheidender Aspekt dieses Modells ist, dass zwischen kompetenten und weniger kompetenten Sprechern differenziert werden kann.  So wird etwa angenommen, dass L2-Lerner mit steigender Sprachkompetenz eine Verknüpfung zwischen lexikalischen Knoten und dem dazugehörigen Konzept entwickeln, sodass ein direkter Abruf eines Wortes in der L2 über das Konzept erfolgen kann. Die gestrichelten Linien weisen auf eine schwächere Beziehung zwischen den verlinkten Ebenen hin, wohingegen die durchgezogenen Linien als stärkere Verbindungen angesehen werden. Dies begründen Kroll und Stewart (1994) z.B. mit der Tatsache, dass die L2 häufig über Übersetzungsäquivalente aus der L1 gelernt werden und durch den ständigen Abruf der L1 eine stärkere Verbindung zwischen den beiden Ebenen resultiert (vgl. Altarriba und Heredia 2008).  Aufgrund der Annahme, dass bilinguale Sprecher einen größeren Wortschatz in ihrer Erst- als in ihrer Zweitsprache haben, wird die L1 etwas größer dargestellt (vgl. Kroll und Stewart 1994: 157f.). Mit dem RHM-Modell wird der Tatsache Rechnung getragen, dass der L2-Erwerb einen Prozess darstellt, der sich in Abhängigkeit zur Kompetenz eines L2-Lerners durch verschiedene Wege des Zugriffs auf einen bestimmten Eintrag im mentalen Lexikon äußert. Weniger kompetente Sprecher etwa verfügen über enge Verknüpfungen zwischen lexikalischen Formen und greifen auf ein Wort in der L2 zu, indem sie das entsprechende Übersetzungsäquivalent in ihrer L1 abrufen, mit dem wiederum der Abruf des Konzepts erfolgt. Dagegen rufen kompetente Sprecher einer L2 ein Wort eher über einen direkten Zugriff auf die konzeptuelle Ebene ab, mit der sowohl die L1 als auch die L2 verknüpft sind. Eine beeindruckende Arbeit, die diese Hypothese und damit die Annahmen des RHM-Modells zu bestätigen scheint, stammt von Talamas et al. (1999). Sie verglichen bilinguale Sprecher mit unterschiedlicher Sprachkompetenz in Bezug auf die Frage, ob sich bei steigender Sprachbeherrschung Unterschiede hinsichtlich der lexikalischen und konzeptuellen Verarbeitung zeigen (Talamas et al. 1999). Dazu sollten bilinguale Sprecher eine lexikalische Entscheidungsaufgabe durchführen, die darin bestand, aus einer Abfolge von zwei Wörtern zu entscheiden, ob es sich jeweils bei dem zweiten Wort um ein   Übersetzungsäquivalent des ersten Wortes handelt oder nicht. Die kritischen Trials verfügten über Wörter, die sich in Bezug auf das korrekte Übersetzungsäquivalent entweder in ihrer lexikalischen Form oder in Bezug auf ihre Bedeutung ähnelten. Wörter mit einer ähnlichen Wortform sind z.B. hombre und hambre, wohingegen mujer und hombre semantische Merkmale teilen. In der Bedingung mit formverwandten Wörtern sahen die Probanden z.B. das Wort man und anschließend das Wort hambre (engl. hunger, dt. ‚Hunger‘), das über eine ähnliche lexikalische Form wie das Übersetzungsäquivalent hombre verfügt. In der zweiten Bedingung, folgte dem Wort man das Wort mujer (engl. woman, dt. ‚Frau‘), das mit dem Übersetzungsäquivalent hombre semantische Merkmale teilt. Darüber hinaus gab es zwei Kontrollbedingungen, in denen das jeweils zweite Wort weder über eine ähnliche Form noch über semantische Merkmale mit dem Targetwort man teilte. Talamas et al. (1999) nahmen an, dass die kognitive Verarbeitung für die „falschen Übersetzungen“, die eine ähnliche lexikalische Form aufweisen oder semantische Merkmale teilen, mehr Zeit beansprucht, als die Verarbeitung der Wortpaare, die in keinem Zusammenhang miteinanderstehen. Sie vermuten, dass man je nach Größenordnung von Interferenzeffekten, die von der Formebene einerseits oder der konzeptuellen Ebene andererseits ausgehen, Rückschlüsse über die Sprachkompetenz in der L2 ziehen kann. Tatsächlich zeigen ihre Ergebnisse, dass die L2-Lerner mit geringerer Sprachkompetenz durch die Wörter, die sich in ihrer Form nur gering vom Übersetzungsäquivalent unterschieden, bei ihrer Entscheidung, ob es sich um ein korrektes Übersetzungsäquivalent handelt oder nicht, eher beeinträchtigt wurden als durch semantische Merkmale. Hervorzuheben ist, dass die kompetenteren Sprecher stärker durch semantische Ähnlichkeiten der Wortpaare beeinflusst wurden und weniger durch orthographische Gemeinsamkeiten (Talamas et al. 1999). Die Autoren nehmen ihr Ergebnis als Evidenz dafür, dass L2-Lerner mit zunehmender Sprachkompetenz weniger über Wortassoziation, sondern vielmehr über Konzeptvermittlung auf einen lexikalischen Eintrag zugreifen. Auch deuten die Ergebnisse darauf hin, dass auch L2-Lerner mit geringer Sprachkompetenz dazu in der Lage sind, auf ein Wort in ihrer L2 über das zugehörige Konzept zuzugreifen (vgl. auch Dufour und Kroll 1995; Kroll und Tokowicz 2001).

Das RHM-Modell lässt keine genauen Angaben zur konzeptuellen Verarbeitung zu, da nur ein gemeinsamer konzeptueller Speicher angenommen wird, mit dem beide verlinkt sind. In anschließenden Arbeiten, die sich größtenteils auf das RHM-Modell stützen, galt das Hauptinteresse der Frage nach der mentalen Repräsentation von Konzepten bei Mehrsprachigen. Bei dem Shared Asymmetrical Model (Dong et al. 2005) einerseits und dem Modified Hierarchical Model (Pavlenko 2009) andererseits handelt es sich um zwei Weiterentwicklungen der oben angeführten Modelle. Neben Elementen und Grundannahmen des RHM-Modells, berücksichtigen beide Modelle auch Strukturen aus dem Distributed Hierarchical Model (siehe 3.4.2).  Neben einem gemeinsamen konzeptuellen Speicher werden zusätzlich zwei getrennte Speicher angenommen, die jeweils sprachspezifische Konzepte zu den lexikalischen Einträgen der Erst- sowie Zweitsprache enthalten. Überdies wird in beiden Modellen auch die Tatsache mit aufgenommen, dass nicht alle L2-Lerner die gleiche Sprachkompetenz haben. Dieser Dynamik, die mit dem Lernprozess einerseits und dem Alter des Spracherwerbs andererseits einhergeht, wird wie auch im RHM-Modell, durch unterschiedliche starke Verbindungen zwischen den lexikalischen oder den lexikalischen und der konzeptuellen Ebene Rechnung getragen (u.a. Dong et al. 2005; Pavlenko 2009).

2 Distributed Hierarchical Model

Im Gegensatz zum RHM-Modell, trifft de Groot (1992) eine Unterscheidung zwischen Worttypen und betrachtet konkrete und abstrakte Wörter getrennt voneinander, sodass der Fokus dieses Modells auf der semantischen Repräsentation von Sprache liegt. In diesem Modell (Abb. 9) wird einerseits zwischen einem lexikalischen Speicher, in dem die Lexika der L1 und L2 repräsentiert werden und andererseits einem konzeptuellen Speicher unterschieden, indem entsprechende Bedeutungsbestandteile angesiedelt sind.

Abb. 5: Distributed Feature Model (adaptiert aus: de Groot 1992: 1016)

De Groot (1992) nimmt an, dass konkrete Wörter stärker mit dem entsprechenden semantischen Konzept verbunden sind als abstrakte. Nach de Groot (1992) soll eine höhere Übereinstimmung von semantischen Merkmalen zwischen Wörtern in der L1 und L2 erklären, warum bilinguale Sprecher konkrete Wörter schneller übersetzen als abstrakte. Um diese Annahme zu überprüfen, führte de Groot (1992) Experimente mit Probanden durch, dessen Erstsprache Holländisch und Zweitsprache Englisch ist. Ein besonderes Augenmerk legte de Groot (1992) auf die Variablen Wortfrequenz (hoch vs. niedrig) und Vorstellbarkeit/Bildhaftigkeit (konkret vs. abstrakt). Demnach werden hoch frequente Wörter schneller erkannt als niedrig frequente. Ferner werden Wörter, die leichter vorstellbar sind (konkrete Wörter) schneller erkannt als Wörter, die aufgrund ihrer Abstraktheit schwer vorzustellen sind. Es überrascht nicht, dass ersterer Fall bei konkreten Wörtern und letzterer bei abstrakten zutrifft, wenn man ein Konkretum wie carro ‚Auto‘ mit einem Abstraktum wie saudade ‚Sehnsucht‘ vergleicht. In Übersetzungsaufgaben sollten die Probanden holländische Wörter, die ihnen auf einem Bildschirm eingeblendet wurden, schnellstmöglich ins Englische übersetzen. Die Ergebnisse zeigten, dass hoch frequentierte Wörter schneller erkannt wurden als niedrig frequente Wörter.