An dieser Stelle möchten wir auf einige Methoden eingehen, die zur Erforschung der kognitiven Verarbeitung von Sprache genutzt werden. Dabei beschränken wir uns ausschließlich auf Methoden, die zur Erforschung von Sprachrezeption verwendet werden. Das erste Verfahren, dem wir uns widmen möchten, ist die sog. Priming-Methode. Diese zeichnet sich dadurch aus, dass ein Zielwort durch auditives oder visuelles Stimulusmaterial „voraktiviert“ wird. In diversen Experimenten zur Sprachproduktion oder Sprachrezeption konnte nachgewiesen werden, dass eine Voraktivation von bestimmten Reizwörtern dazu führt, dass Zielwörter schneller erkannt werden Beim auditiven Priming handelt es sich um ein Verfahren, bei dem untersucht wird, ob Wörter schneller erkannt werden, wenn sie vor der Erkennung des Zielwortes schon einmal gehört wurden. Im Gegensatz zum auditiven Priming, setzt man im semantischen Priming nicht auf Wortwiederholungen, sondern auf bedeutungsähnliche Wörter. In Experimenten, die die Methode des semantischen Primings nutzen, folgt einem Prime-Wort wie z.B. Auto entweder ein Zielwort, das eine Bedeutungsbeziehung zum Prime-Wort aufweist (z.B. Bus oder Zug) oder in keiner Bedeutungsrelation (z.B. Baum) zu diesem steht. Wie aus bisherigen Arbeiten (u.a. Groot und Nas 1991; Silverberg und Samuel 2004) hervorgeht, wurden Wörter schneller erkannt, wenn diese eine Bedeutungsrelation zum Stimulswort aufwiesen. Folglich ist anzunehmen, dass Wörter, die einem Wortfeld angehören oder semantisch enger miteinander verknüpft sind, schneller erkannt werden.[1]

Abschließend soll auf eine Methode eingegangen werden, auf die wir in unserer empirischen Untersuchung in Kapitel 5 zurückgreifen werden. Mithilfe von Eyetracking werden Augenbewegungen bei Sprachproduktions- und verstehensaufgaben erfasst, die wiederum Rückschlüsse auf die mentale Vernetzung zwischen abstrakten sprachlichen Einheiten (z.B. zwischen Laut- und Wortform) zulassen. Dabei werden die Fixationsdauer auf ein intendiertes Area of Interest (AOI) sowie eventuelle Fixationssprünge (Sakkaden) aufgezeichnet. Wird ein Bild besonders lange fixiert, bevor es ausgesprochen wird, oder mehrere Objekte fixiert, können dies Hinweise darauf sein, dass mehrere Konzepte oder bei bilingualen Sprechern mehr als eine Sprache aktiviert worden sind. Cooper (1974) nutzte das sog. visual world paradigm[2] in einer viel zitierten Arbeit, wodurch die Methode an immer größerer Bedeutung in psycholinguistischen Untersuchungen gewann. In seiner Studie wurden englischen Studenten Aufnahmen eines Textes präsentiert, der Reizwörter enthielt, die von Bildern begleitet wurden, die auf einem Computerbildschirm eingeblendet wurden. Eines dieser Reizwörter war z.B. Africa in dem Satz „While on a photographic/ safari in Africa“ (Cooper 1974: 92). Dieses wurde von einem Bild begleitet, das entweder ein zum kritischen Wort Africa semantisch verwandtes Objekt (z.B. Löwe, Zebra) zeigte oder ein Objekt, das keine semantische Nähe zu diesem abbildete. Aus den Ergebnissen ging hervor, dass die Versuchspersonen ihre Blicke eher auf ein semantisch verwandtes Bild richteten, als auf ein semantisch nicht verwandtes. Dieser Befund wurde als Evidenz gesehen, dass bei der kognitiven Verarbeitung von Wörtern Aktivationsenergie an semantisch benachbarte Knoten weitergeleitet wird, wodurch ein Zugriff auf semantisch verwandte Wörter vereinfacht wird (Cooper 1974). In einem Experiment von Spivey und Marian (1999) wurde das „Visual-World-Paradigm“ auf bilinguale Sprecher übertragen und vor allem die Frage in den Mittelpunkt gestellt, ob der Zugriff auf die Sprachen eines bilingualen Sprechers selektiv oder nicht-selektiv erfolgt (siehe auch in Kapitel 4.3). Spivey und Marian (1999) wendeten die Methode in einem crossmodalen Experiment an, in dem Russisch-Englisch-Bilinguale z.B. einen Satz wie z.B. “Poloji marku nije krestika” (“Put the stamp below the cross”) hörten, während zur gleichen Zeit vier Objekte auf einem Monitor präsentiert wurden. Neben zwei Distraktoren beinhaltete der visuelle Input einen Stempel (engl. stamp) als Zielobjekt (engl. target object) und einen Marker (engl. marker) als Konkurrenten (engl. competitor). Aufgrund der phonologischen Ähnlichkeit des russischen Nomens marku (engl. stamp) und dem englischen Wort marker nahmen Spivey und Marian (1999) an, dass die Teilnehmer öfter zum Konkurrenten „marker“ schauen würden, als zu irgendeinem anderen Distraktor (engl. distractor). In einer weiteren Bedingung, der „interlingual-distractor-absent condition“ (Spivey und Marian 1999: 282) wurde das „zwischensprachliche“ Distraktorobjekt „marker“ (russ. flomaster) durch einen Kontrolldistraktor wie „a ruler“ (russ. lineika), das keine phonologische Ähnlichkeit mit dem auditiven Input marku hat, ersetzt. Wie ein Vergleich dieser beiden Bedingungen in Spivey und Marians (1999) Experiment zeigte, schauten die Probanden tatsächlich öfter zu dem Distraktorobjekt „marker“. Dieses Ergebnis kann als Evidenz dafür gesehen werden, dass die englische Entsprechung marker auf irgendeine Weise aktiviert gewesen sein muss, damit ein Zugriff auf das mentale Lexikon der englischen Sprache veranlasst werden konnte. Eine simultane Aktivierung beider mentalen Lexika scheint den Ergebnissen Spivey und Marians (1999) zufolge also durchaus möglich. Ferner belegen die Ergebnisse, dass das Kohortenmodell (Marslen-Wilson 1987) auch bei bilingualen Sprechern angewendet werden kann. Es ist anzunehmen, dass auch bei bilingualen Sprechern sowie Früh- und Spätmehrsprachigen die in einer Kommunikationssituation irrelevante Sprache mitaktiviert wird, wenn diese Einträge im mentalen Lexikon beinhaltet, die über gemeinsame phonologische Eigenschaften mit dem in der Kommunikationssituation geäußerten Wort verfügen. Schließlich ist Eyetracking eine geeignete Methode, um Aussagen über die kognitive Verarbeitung von Sprache bei Mehrsprachigen treffen zu können:

„Eye-tracking is a well suited methodology to covertly index co-activation of similar-sounding words [Deutsch Koffer, Portugiesisch cofre] over time, including the subsequent deactivation of irrelevant word candidates.“ (Blumenfeld und Marian 2013: 3)

Ein weiterer Vorteil des Visual-World-Paradigmas ist, dass Fixationen zu Ziel-, Kompetitor-, Kontroll- oder Füllerobjekten über einen zeitlichen Verlauf hinweg gemessen werden und daraus Aussagen über den zeitlichen Verlauf der kognitiven Verarbeitung gesprochener Sprache gemacht werden können:

„The paradigm provides closely time-locked and fine-grained measures of ongoing cognitive processing, in the form of fixations to different positions in the visual display over time.“ (Huettig und McQueen 2007: 460)

Auf weitere Besonderheiten des Visual-World-Paradigmas werden wir im Rahmen des empirischen Teils dieser Abhandlung eingehen und darauf hinweisen, dass bei einer Forschungsfrage wie die unsere, die auf die auditive Wortverarbeitung abzielt, auch semantische und formbezogene Aspekte im Hinblick auf die Zusammenstellung des visuellen Stimulusmaterials berücksichtigt werden müssen (siehe 5.1.3; vgl. auch Huettig und McQueen 2007).

[1] Zum syntaktischen Priming sei auf  McDonough & Trofimovich  (2009) verwiesen.

[2] Für eine Übersicht zu bisherigen Arbeiten und einer kritischen Betrachtung der Methode sei auf Huettig et al. (2011) verwiesen.