1 Sprachkontakt und Interferenz

Interferenz in Sprachkontaktsituationen

Wie das oben angeführte Schaubild zeigt, können Sprachkontaktsituationen Einfluss auf die Sprachsysteme der kontaktierenden Sprachen nehmen. Abweichungen der sprachlichen Norm, die auf die Sprachkontaktsituation zurückgeführt werden können, werden als sog. Interferenzen bezeichnet. Von Interferenzen können mehrere Sprachebenen betroffen sein.

Eine Sprachkontaktsituation wird durch unterschiedliche Faktoren hervorgerufen: Man denke beispielsweise an das Länderdreieck Deutschland-Schweiz-Frankreich, wo sicherlich in grenznahen Bereichen mit sprachlichen Interferenzen zu rechnen ist. Grenzländer sind also aufgrund der geografischen Nähe zueinander einer ständigen Beeinflussung verschiedener Sprachsysteme ausgesetzt. Die Auswirkungen des Sprachkontakts sind dabei nicht nur an einem Sprecher, sondern an mehreren, nämlich der in der Grenzregion lebenden, festzumachen, weshalb es einer Unterscheidung zwischen Kollektivum und Individuum bedarf.  Als eine individuelle Ausprägung von kontaktbedingter Veränderungen, kann beispielsweise auch eine intonatorische Variante eines Wortes betrachtet werden, die bei einem Sprecher aufgrund einer neuen dialektalen Umgebung zustande gekommen ist.

Weitere Faktoren für das Aufeinandertreffen von zwei oder mehreren Sprachen, können zudem Migrationsbewegungen sein, wie wir anhand des deutsch-portugiesischen Sprachkontakts in Brasilien verdeutlichen möchten. Die deutsche Sprache hat im 19. Jh. eine nicht unwesentliche Rolle innerhalb der Kolonisierung Brasiliens gespielt. Wir werden folglich verdeutlichen, inwiefern der Sprachkontakt auch sehr oft eine historische Komponente inne hat. Zudem soll verdeutlicht werden, wie sich der Sprachkontakt auf morphosyntaktischer, lexikaler und semantischer Ebene auswirken kann. Von besonderem Interesse ist die Integration von Lehnwörtern in das Sprachsystem der Nehmersprache, also der Sprache, die fremdsprachliches Material übernimmt. Dazu berücksichtigen wir ausgehend von der Genusselektion der Lehnwörter, die Zuweisung dieser zu Flexionsklassen und versuchen festzustellen, ob Aussagen über die Vorhersagbarkeit von Flexionsklassen gemacht werden können.

2 Die deutsche Sprache in Brasilien

Brasilien blickt auf eine bewegte Geschichte zurück, die, mit der Erkundung Brasiliens am 22. April 1500 durch Pedro Álvares Cabral, der die Kolonisierung Brasiliens einläutete, eine nun mehr als 500 hundertjährige Geschichte der Kolonisierung zu verzeichnen hat. Zu Zeiten der Kolonisierung war Migration nicht ausschließlich auf eigenes Interesse bzw. eigene Absichten zurückzuführen, sondern zeichnete sich durch Sklaverei aus, die sich dadurch kennzeichnete, dass vor allem Afrikaner aus ihrer Heimat nach Brasilien verfrachtet wurden, um auf den Zuckerrohr- und Tabakplantagen zu arbeiten (vgl. Bernecker et al. 2000). Durch vielfältige Migrationsbewegungen ist die brasilianische Geschichte gezeichnet und schlussfolgernd auch die kulturelle Vielfalt des Landes zu erklären. Die heutige Landessprache Portugiesisch spiegelt insofern die historische Entwicklung des Landes Brasilien wider, indem sie anzeigt, dass die portugiesische Sprache im Rahmen der Kolonisierung nicht nur von einer Mehrzahl aller Sprecher gesprochen wurde, sondern sich gegenüber den anderen Sprachen, den sog. Minderheitensprachen, wozu unter anderem Italienisch, Japanisch und auch das Deutsche gehörten, durchsetzen konnte. Dennoch war die deutsche Sprache in einem nicht unerheblichen Maße vertreten, sodass ihr in der linguistischen Forschung mehr Aufmerksamkeit gebührt.

Die deutsche Sprache hat sich fortan auf einem fremden Terrain beweisen müssen, was sich aufgrund neuer Benennsituationen insofern als schwierig erwies, als dass entweder eine Bezeichnung gefunden werden oder gebildet (Neologismus) werden oder aber eine Entsprechung aus der Umgebungssprache übernommen (Entlehnung) werden musste. Letzterer Fall ist für unser Anliegen von Interesse, weil wir anhand der Entlehnung vor folgendem Prozess stehen. Zunächst muss fremdes Wortmaterial in das eigensprachliche Lexikon übernommen werden. Allerdings ist dieser Entlehnungsprozess nicht nur eine bloße Übernahme eines Wortes, sondern ein Prozess, der sich durch phonologische, morphologische und/oder semantische Anpassung an eigensprachliche Konventionen auszeichnet. D.h. konkret für ein Nomen, – mit denen wir uns in dieser Arbeit schwerpunktmäßig auseinandersetzen -, dass dieses z.B. phonotaktische Bedingungen erfüllen muss, damit Sprecher des Deutschen in der Lage sind, dieses zu produzieren. Ist dies nicht der Fall, wird das entlehnte Wort also zunächst phonologisch an das deutsche Sprachsystem assimiliert. Überdies und Voraussetzung für die Entlehnung ist zudem, die Zuweisung eines Genus. Sprachkontaktsituationen eignen sich für die vorliegende Arbeit besonders, da anhand realer Situationen, sprachliche Regeln, sofern es diese gibt, überprüft werden können. Durch die Übernahme eines Wortes stehen wir vor einer Situation, bei dem einem Wort ein Genus zugewiesen werden muss. Anhand eines Korpus, das auf deutschsprachigem Zeitungsmaterial aus Brasilien besteht, können wir nun überprüfen, ob hinter der Genusselektion ein Regelwerk ausformuliert werden kann, oder ob die Genuszuweisung tatsächlich arbiträr erfolgt. Die deutsche Sprache verbreitete sich in Brasilien durch Migrationsbewegungen, die auf unterschiedliche Motive zurückzuführen sind.

2.1 Motive der Emigration

Hinter Migrationsbewegungen, wie sie mit der Einwanderung Deutschstämmiger nach Brasilien einhergegangen sind, lassen sich unterschiedliche Motive kenntlich machen, die wir im Folgenden kurz anführen wollen. Da Sprachkontaktsituationen oftmals auf Migrationsbewegungen zurückgeführt sind, möchten wir Gründe, die zu einer Migration veranlasst haben, nicht vorenthalten.

Die deutsche Einwanderung in Brasilien blickt, ausgehend von der Gründung der ersten Kolonie im Jahr 1824, nunmehr auf eine fast 200 jährige Geschichte zurück. Berücksichtigen wir diese Zeitspanne, stoßen wir auf diverse historische Ereignisse, die Menschen aus politischen, wirtschaftlichen oder sozialen Gründen dazu bewogen haben, ihr Heimatland zu verlassen. Immer wieder wird in Beitragen zur deutschen Einwanderung nach Brasilien auf den kolonialpolitischen Aspekt Brasiliens verwiesen, die Attraktivität des Landes mittels Propagandaaktionen für Europäer schmackhaft zu machen. Die geplanten Kolonialisierungsversuche des Landes gingen mit der Abschaffung des Sklavenhandels Mitte des 19. Jahrhunderts einher, die vor allem aufgrund der nun fehlenden Arbeitskräfte motiviert waren. Mit der Abschaffung des Sklavenhandels stieg also die Nachfrage nach Arbeitskräften, die auf dem Land tätig werden und aus Europa eingeschifft werden sollten (vgl. dazu Gregory 2000). Die Auswanderung war in diesem Fall aus wirtschaftlichen Gründen motiviert, da diese mit der Aussicht auf Arbeit verbunden war, zumal sich zu Zeiten der Industrialisierung, gerade die Arbeitsplatzsituation von Handwerkern und Bauern verschlechterte (siehe Gregory 2000, auch Braun 2010). Eine wichtige Funktion als Mittlerin zwischen Deutschstämmigen in Europa und Brasilien wurde unter anderem durch Erzherzogin Leopoldine erfüllt, die aufgrund ihres habsburgischen Ursprungs und ihrer Partnerschaft zu Dom Pedro I. ein großen Einfluss auf die kulturellen Beziehungen sowie auf die deutsche Einwanderung nehmen konnte (vgl. Fouquet 1974, Müller 2012). Eine wichtige Rolle wurde auch Anton Schäfer zuteil, der durch Dom Pedro I. beauftragt wurde, Propaganda zu betreiben, um deutsche Emigranten in den Süden Brasiliens zu bringen (Braun 2010: 18). Das Land Brasilien lockte zudem mit attraktiven Angeboten, wie z.B. der Übernahme der Reisekosten nach Brasilien. Überdies wurde Einwanderern neben Verleihung der brasilianischen Staatsbürgerschaft außerdem Land zur Verfügung gestellt, die Grundversorgung gesichert, Arbeitsmaterial und –tiere besorgt, Steuerfreiheit (für einige Jahre) zugesichert und Religionsfreiheit versprochen (Braun 2010: 18).

2.2 Entlehnungen und wie es dazu kam?

Die neue Heimat in Brasilien brachte nicht nur Gegebenheiten mit sich, sondern mit dem Portugiesischen auch eine neue Sprache. Für viele Gegebenheiten existierte noch kein lexikalisches Äquivalent in der deutschen Sprache, das in Form einer Entlehnung oder einer Neuschöpfung geprägt werden musste. In diesem Zusammenhang spricht Baranow (1973: 123) von „lehnmotivierenden Aspekten“ und Ziegler (1996: 65) von „interferenzfördernden Faktoren“. Für den eben angesprochenen Aspekt, der Benennung eines Sachverhalts oder Gegenstands, für das es in der deutsche Sprache noch kein lexikalisches Pendant gibt, führt Ziegler (1996: 65) Motiv der Entlehnung den sog. „sachbezogenen Aspekt“ an. Neben dem sachbezogenen Aspekt zählt Ziegler den sprachökonomischen Aspekt auf, der meist aus Gründen eines minimalistischen, sprachlichen Aufwandes erfolgt und in der Übernahme eines Wortes endet, obwohl für dieses bereits ein deutsches Äquivalent vorhanden war. Hinsichtlich des sprachökonomischen Aspekts untergliedert Ziegler in syntagmatische und paradigmatische Ökonomie. So führt Ziegler (1996) als Beispiel für syntagmatische Ökonomie die Entlehnung oficina ‚Werkstatt‘ an, das neben dem dt. Reparaturwerkstätte gebraucht wurde und es aufgrund seiner geringeren Phonem- und Silbenanzahl schlichtweg leichter zu verwenden ist. Als paradigmatische Ökonomie werden nach Ziegler die Wörter bezeichnet, die aufgrund der frequenten Verwendung im Alltag in den deutschen Wortbestand aufgenommen werden, ohne dass dabei versucht wird, eigene Entsprechungen zu bilden (vgl. Ziegler 1996: 68).  Als weiteren Aspekt, der auch anhand der Frequenz eines Wortes festgemacht wird, nennt Ziegler den Aspekt der relativen Häufigkeit (ebd.: 68). Hier werden portugiesische Wörter und Idiome in die deutsche Sprache übernommen, obwohl deutsche Äquivalente bereits vorhanden sind. Dieses Verhalten ist auf die relative Häufigkeit des Vorkommens bestimmter portugiesischer Wörter in bestimmten sprachlichen Kontexten zurückzuführen und ist damit kontextabhängig in entsprechenden Kommunikationssituationen aufzufinden. So führt Ziegler beispielsweise eine kommunikative Situation an, die mit einem Besuch beim Arzt oder auf der Behörde verbunden ist. Die deutschsprachigen Einwanderer greifen in solchen kommunikativen Situationen eher auf die portugiesische Sprache zurück. Folglich ist dieser spezifische Kontext, ein Arztbesuch oder der Gang zur Behörde, auch anfälliger für Entlehnungen bzw. Interferenzerscheinungen (vgl. Ziegler 1996: 68f.).

Mit dem kommunikativ-interaktiven Aspekt bezieht sich Ziegler bereits auf Sprachkontaktsituationen, die bereits im Hinblick auf die gegenseitige Beeinflussung ein fortgeschrittenes Stadium erreicht hat und Sprecher der jeweiligen Sprachsysteme in der Lage sind, die kontaktierende Sprache zu verstehen und zu sprechen. Voraussetzungen ist, dass Sprecher der Umgebungs- und Sprecher der Minderheitensprache dazu fähig sind, die jeweils konträre Kontaktsprache zu sprechen und somit Bilingualismus vorliegt. Der kommunikative Aspekt äußert sich nach Ziegler (1996: 69/70) in Kommunikationssituationen wie folgt:

„Für Sprachkontaktsituationen bedeutet dies, daß der <> oft innerhalb eines Satzes oder einer sprachlichen Äußerung in die jeweils andere Sprache hinüberwechselt, wenn ihm das erforderliche Wort nicht einfällt oder er unterstellt, daß der <<Empfänger>> eine Äußerung, eine Information, in der anderen Sprache nicht versteht.“

Ein ähnliches Phänomen wird als Code-Switching beschrieben und tritt vor allem bei bilingualen Sprechern auf, die in einem Gespräch zwischen ihren „Codes“ (Sprachen) wechseln, weil z.B. in einer der beiden Sprachen ein lexikalische Entsprechung fehlt auf die andere zurückgegriffen werden muss.

Schließlich greift Ziegler (1996: 70) den Aspekt der zwischensprachlichen Analogiesetzung auf, der im Rahmen der morphosyntaktischen Studie Baranows (1973) zum deutsch-portugiesischen Sprachkontakt in Brasilien bereits angeführt wurde. Auch in Müller (2012) haben wir uns bereits ausführlich mit zwischensprachlichen Analogiesetzungen auseinandergesetzt und auf das lehnmotivierende Funktion aufmerksam gemacht. Nach Baranow (1973) können wir den Aspekt der zwischensprachlichen Analogie wie folgt charakterisieren:

„Die sprachökonomische Seite dieses Vorgangs ist evident: parallel zu der Gebrauchsintensivierung solcher eigener Wörter, die der Kontaktsprache ähnlich (analog) sind, findet Ersparnis eigener sprachlicher Äquivalente, dich sich äußerlich von jenen unterscheiden, statt. So ist es im dt.-pg. Kontakt ökonomischer Remuneration statt Gehalt, Plebiszit statt Volksabstimmung, zu verwenden, weil die pg. Entsprechungen remuneraҫaõ und plebiscito lauten.“

Es lassen sich einige Aspekte festhalten, die als lehnmotivierende oder lehnfördernde Faktoren dazu bewogen haben, dass Wörter aus der Kontaktsprache übernommen bzw. entlehnt worden sind. Wir möchten jedoch noch einen Schritt weiter gehen und die Integration der Lehnwörter in das deutsche Sprachsystem näher betrachten. Damit ein Wort als Lexikoneintrag fungieren kann, muss dem Lexem jedoch zunächst ein Genus zugewiesen werden. Die dt.-pg. Sprachkontaktsituation stellt durch die zahlreichen Belege von Entlehnungen ein umfangreiches Korpus zur Verfügung, das für unsere Analyse der Genuszuweisung herangezogen wird. Wir werden betrachten, welches Genus den jeweiligen Entlehnungen zugewiesen wird und versuchen hinter der Genusselektion Muster ausmachen zu können, anhand derer, Regeln formuliert werden können, wodurch die Arbitraritätshypothese widerlegt werden könnte. Zunächst werden wir die Genussysteme der kontaktierenden Sprachen vergleichend gegenüberstellen (Genus im Deutschen und Portugiesischen) und insbesondere für das Deutsche, Prinzipien für die Genuszuweisung (vgl. Köpcke 1996, 2009) besprechen, die bei der Vorstellung des Modells zur Genuszuweisung in Sprachkontaktsituationen, berücksichtigt und gegebenfalls erweitern werden.