Der kontrastive Vergleich der deutschen und der portugiesischen Nominalflexion fokussiert ganz klar die morphosyntaktischen Eigenheiten beider Sprachen, da sich diese im weiteren Verlauf der Abhandlung als äußerst wichtig erweisen könnten, wenn wir Aussagen über die Vorhersagbarkeit von Flexionsklassen treffen wollen. Für eine Zuweisung entlehnter Nomina aus dem Portugiesischen in bestimmte Flexionsklassen des Deutschen, sind die morphosyntaktischen Merkmale Genus, Numerus und Kasus grundlegende Parameter, um eine Flexionsklassenzuweisung überhaupt erst vornehmen zu können.[1] Der Vergleich beider Sprachsysteme wird zu jedem morphosyntaktischen Merkmal parallel erfolgen, um den direkten Vergleich fokussieren zu können, durch den Differenzierungen beider Sprachsysteme aufgezeigt werden können. Zu jedem morphosyntaktischen Merkmal werden abschließend einige wichtige Regeln erläutert, die für die Zuweisung bestimmter Marker der jeweiligen Merkmale in der deutschen Sprache herangezogen werden können. Die Regeln basieren jedoch auch auf Annahmen, die zwar für die meisten Fälle gelten, jedoch nicht für alle und sind somit als Regeln aufzufassen die eine Tendenz für die als wahrscheinlich anzunehmende Markerselektion vorhersagen können. Mit einem Blick auf die grammatischen Eigenschaften portugiesischer Nomen fällt auf, dass die portugiesische Sprache lediglich über zwei Genera verfügt, nämlich Maskulinum und Femininum.[2] Die Genera können u.a. durch die definiten Artikel o (mask.) und a (fem.) und die indefiniten Artikel um (mask.) und uma (fem.) ausgedrückt werden.[3] Die deutsche Sprache verfügt neben den Genera Maskulinum und Femininum noch über das Genus Neutrum.  Auch in der dt. Sprache kann das grammatische Merkmal des Genus u.a. durch den Artikel sichtbar gemacht werden, wobei die Kennzeichnung des Genus auch durch andere Wortarten deutlich gemacht werden kann, wie aus der folgenden Definition von Bußmann 2008 in (1) hervorgeht:

(1) Genus (Bußmann 2008: 227):

„[…] Genus ist eine inhärente Eigenschaft von Nomen, die morphologisch markierte […] Kongruenz-Beziehungen zwischen verschiedenen syntaktischen Elementen (meist bezogen auf nominale und/oder verbale Phrasen) kontrolliert, d.h. dass mindestens eine andere Wortart (Artikel, Adjektiv, Pronomen, Verb) entsprechende morphologisch übereinstimmende Kennzeichnung aufweist […].“

 Durch die Abbildungen in (2) und (3) soll ein kurzer Einblick auf die Genusmarkierung durch die definiten und indefiniten Artikel des Pg. und Dt. gewährt werden.

 (2) Definiter und indefiniter Artikel im Portugiesischen und die Markierung von Genus und Numerus (Darstellung in Anlehnung an Wegener 1995)

Mask.    Fem.
+def. -def. +def. -def.
SG o um a uma
PL os uns as umas

 

(3) Definite und Indefinite Artikel im Deutschen und die Markierung von Genus, Kasus und Numerus (Wegener 1995: 100; mit.e.Bearb.)

Mask. Neutr. Fem. PL
+def. -def. +def. -def. +def. -def. +def. -def.
NOM der ein das ein die ein die
AKK den einen das ein die eine die
DAT dem einem dem einem der einer den
GEN des eines des eines der einer der

Für die Genusselektion gibt es laut der Duden-Grammatik (2006) einige Faktoren, die maßgeblich zu der Wahl des grammatischen Geschlechts bzw. Genus beitragen. Ausgehend vom Substantiv, wird die Genusselektion durch dessen semantischen, morphologischen oder semantischen Konstrukts bestimmt (vgl. Duden-Grammatik 2006: 154). Durch die Ausrichtung dieser Arbeit auf den empirischen Teil in Abschnitt 4, sollen in der folgenden Abhandlung lediglich die Faktoren genannt werden, die sich für die pg. Entlehnungen als relevant erweisen könnten.[4]

 (4) Faktoren für die Genuszuweisung (nach der Duden-Grammatik 2006: 154-171; Wortausgänge –at und –ist: Duden-Grammatik 2006: 217)

Faktoren Beispiele:
a. semantische:

natürliches Geschlecht

männliches Geschlecht mit Genusmerkmal [+mask.]

weibliches Geschlecht mit Genusmerkmal [-fem.]

b. morphologische:

Suffixe und Wortendungen

Genusmerkmal [+fem.] bei Wortausgang auf –a

Genusmerkmal [+mask.] bei Wortausgang auf –or, -at, -ist

c. phonologische:

Konsonantencluster

Monosyllaba, die mit /-ft/ oder /-cht/ auslauten, oft [+fem.]

Monosyllaba, mit Konsonantencluster im Onset oder in der Koda oft [+mask.]

 Die grammatische Kategorie des Numerus ist in der pg. sowie dt. Sprache durch die Subklassen Singular und Plural gekennzeichnet, auch wenn sich die Pluralbildung der portugiesischen Sprache als durchaus homogener erweist, als die der deutschen Sprache. Für die Markierung des Plurals genügt tendenziell der Pluralmarker bzw. das grammatische Morphem /-s/ (Gärtner 1998: 163). Die deutsche Sprache gestaltet sich bei der Bildung des Plurals als durchaus komplexer, wenn man die Kennzeichnung des Plural durch den Prozess der Umlautung, den Nullplural /-Ø/ sowie die Pluralmarker /-e/, /-n/, /-en/, /-er/ und /-s/ betrachtet.[5] Eine vergleichende Betrachtung der Darstellungen der portugiesischen und deutschen Nominalflexion in (5) und (6), hebt die Unterschiedlichkeit im Bereich der Flexion der Nomen beider Sprachen hervor.

(5) Numerusmarker portugiesischer Nomen (Darstellung in Anlehnung an Azevedo 2005: 62)

 

Endung

Beispiele:

Singular

 

Plural                      

 

Pluralmarker

-a, -e, -i, -o, -u estudante estudantes /-s/
-n, -s, -r, -z rapaz rapazes /-es/
-al, -el, -ol, -ul jornal

pincel

caracol

jornais

pincéis

caracóis

Substitution von –l durch -is[6]
-il (gespannt) Substitution von –l durch -s[7]
-il (ungespannt) Substitution von –l durch –ei+s
-m imagem

jardim

imagens

jardins

Substitution von –m durch -ns
ão

 

pão

preposição

mão

pães

preposições

mãos

Ø atlas atlas

 

Zusammenfassend kann zur Pluralbildung des Portugiesischen gesagt werden, dass der Pluralmarker, ausgenommen des Nullmarkers /-Ø/, durch die Suffigierung des Pluralmarkers /-s/ verwirklicht wird. Jedoch wird, wie wir anhand der Darstellung der Pluralmarker in (5) sehen können, der morphologische Prozess der Pluralbildung durch zugrundeliegende phonologische Prozesse begleitet, die bei der Suffigierung des Pluralmarkers in Kraft treten bzw. verwirklicht werden (Bsp.: sg. preposição > pl. preposições; pão > pães).[8] Die Darstellung der Pluralbildung im Deutschen wird in (6) mit den Kasusmerkmalen zusammengeführt, wodurch die Flexionsklassenzuordnung im späteren Verlauf dieser Arbeit simplifizierter angegangen werden kann. Im Kontext [Nom. Pl.] werden die grammatischen Morpheme zur Sichtbarmachung des Genus angegeben. Wo zusätzlich der Umlaut als Pluralmarker angesehen werden muss, oder der Umlaut in Verbindung mit einem weiteren Pluralmarker, soll mit der Beschreibung der einzelnen Flexionsklassen in (6) angesprochen werden.

(6) Numerus und Kasusmarker des Deutschen[9]

A B C D E
GEN SG -es/-s -es/-s -en/-n
NOM PL -e -er -s -en/-n -en/-n -e -s -en/-n
F1 F2 F3 F4 F5 F6 F7 F8 F9 F10

 

Die Gruppierungen in (6), die durch A, B, C, D und E gekennzeichnet werden, beziehen sich auf den Flexionstyp der Substantive an sich, die bekanntlich stark, gemischt und schwach ausfallen kann (vgl. Duden-Grammatik 2006: 225). Nach den Flexionstypen können eigene Substantivklassen aufgestellt werden. Nach der Duden-Grammatik 2006: 225 umfassen die Gruppen A-E folgende Substantivklassen: A: Maskulina und Neutra: stark; B: Maskulina und Neutra: gemischt; C: Maskulina: schwach; D: Feminina: stark; E: Feminina: gemischt. Die Substantivklassen sind der Vollständigkeit halber genannt worden, werden jedoch im weiteren Verlauf dieser Arbeit nicht weiter ausgeführt. Vielmehr stehen im Mittelpunkt unseres Interesses die Flexionsmuster dt. Nomina, die durch die Kenntnis über die Marker der Kontexte [Gen. Sg.] und [Nom. Pl.] abgeleitet werden können. In (6) kann ein Muster herausgearbeitet werden, wonach F1-F10 für die Kontexte [Gen. Sg.] und [Nom. Pl.] jeweils differieren, da sie nie eine identische Verteilung der Flexionsmarker nachweisen. Beispielsweise stimmen F5 und F6 zwar mit der Anwesenheit der Pluralmarker /-en/ und /-n/ überein, jedoch unterscheiden sie sich wiederum im Kontext [Gen. Sg.] mit den jeweiligen Marker /-es/ und /-s/ für F5 und /-en/ und /-n/ für F6. Alle Substantive, die nach einem identischen Muster flektieren, gehören in die gleiche Flexionsklasse (vgl. u.a. Sternefeld 2008). In unserer Arbeit beschränken wir uns zunächst auf die Flexionsklassen F1-F10, die in (6) entnommen werden können.

Das noch verbleibende grammatische Merkmal, die Kasusmarkierung, ist allerdings nur für die dt. Sprache zutreffend, dessen Nomen nach den Kasus Nominativ, Akkusativ, Genitiv und Dativ flektieren. In der portugiesischen Nominalflexion existiert keine Kasusmarkierung mehr, da diese im Laufe der sprachgeschichtlichen Entwicklungen und ganz besonders dem Lautwandel vollständig aufgegeben wurde.[10] Nach Bußmann (2008) sei in der pt. Sprache ausschließlich das grammatische Merkmal des Numerus flektiert. Die grammatischen Eigenschaften sind jedoch nicht alleine am Substantiv erkennbar, weshalb die Analyse von grammatischen Eigenschaften eines Substantivs meistens mithilfe der Betrachtung einer komplexeren Nominalphrase vollzogen wird, die beispielsweise aus einem Determinierer, einem Adjektiv sowie dem Nomen, dem Kopf der Phrase bestehen kann. Vergleiche dazu die pt. Nominalphrasen os trabalhos lingüísticos, uma phrase complexa und die dt. Nominalphrasen die linguistischen Arbeiten und eine comlexe Phrase. Mitunter verfolgt diese Darstellungsweise den Zweck, die kongruenten Merkmale zwischen Determinierer, Adjektiv und Substantiv aufzudecken.

[1] Überdies dient die kontrastive Darstellung Eigenheiten beider Sprachen auch der Beurteilung von Interferenzerscheinungen, d.h. der Beurteilung von Abweichungen einer standardsprachlichen Norm, die auf die Sprachkontaktsituation und schließlich den gegenseitigen Einfluss beider kontaktierenden Sprachen zurückzuführen sind. In unserem Fall den Einfluss des Portugiesischen auf das Deutsche.

[2] Vgl. Gärtner (1998, S. 158)

[3] Das Genus wird nicht nur durch die Artikel markiert, sondern kann auch durch andere Wortarten sichtbar gemacht werden. Siehe dazu die Definition von Bußmann 2008 in (4).

[4] Für detaillierte Informationen zu den verschiedenen Faktoren der Genuszuweisung sei auf die Duden-Grammatik (2006) verwiesen.

[5] Vgl. Duden-Grammatik 2006: 182; siehe auch Köpcke 1988: 307.

[6] Vgl. Cunha (1995), S.186

[7] Vgl. Cunha (1995), S.186

[8] Auf die zugrundeliegenden phonologischen Prozesse, die mit der Pluralbildung im Portugiesischen einhergehen, werden wir im Rahmen dieser Arbeit nicht weiter eingehen. Für nähere Informationen zur Pluralbildung portugiesischer Substantive unter Berücksichtigung der damit verbundenen phonologischen Prozesse siehe Azevedo 2005

[9] Einteilung der Flexionstypen nach der Duden Grammatik 2006, S. 226; für die tabellarische Darstellung folgten wir einem minimalistischem Prinzip (angeregt durch die Flexionstypeneinteilung in Eisenberg 2006, S. 168), das alle notwendigen Informationen bereithält, die für eine Ableitung der noch ausstehenden Marker relevant sind.

[10] Siehe Azevedo 2005, der in einer sehr präzisen Darstellung grundlegende sprachhistorische Veränderungen der portugiesischen Sprache hervorbringt. Vgl. auch Wesch (2008), der in seinem Aufsatz die interne Sprachgeschichte des Portugiesischen auf morphosyntaktische Veränderungen hin untersucht.