Das Alter scheint beim Spracherwerb eine besondere Rolle einzunehmen, auf die wir in diesem Abschnitt nochmals gesondert durch eine vertiefte Auseinandersetzung mit dem Phänomen der kritischen Periode eingehen möchten und ferner begründen, weshalb eine Differenzierung von Früh- und Spätmehrsprachigkeit erforderlich ist.

Als einer der Initiatoren der Diskussion über die Existenz einer kritischen Periode gilt Lenneberg (1967), der die Annahme machte, dass es ein biologisches Zeitfenster geben muss, in dem der Spracherwerb unkompliziert verläuft, wohingegen sich der Spracherwerb außerhalb dieses Zeitfensters als schwieriger Prozess herausstellt. Für die kritische Periode nimmt Lenneberg (1967) an, dass diese mit einem Alter von zwei Jahren einsetzt und mit Beginn der Pubertät endet (u.a. Li 2013; Harley 2014). Seine Hypothese beruht auf Erkenntnissen, die aus einer Reihe von klinischen Untersuchungen mit Aphasie-Patienten gewonnen werden konnten, in denen gezeigt wurde, dass mit Beginn der Pubertät ein Wendepunkt erreicht ist, ab dem eine vollständige Rehabilitation nicht mehr möglich ist (vgl. Lenneberg 1967). In diesem Zusammenhang spricht er von einem natürlichen Reifeprozess des Gehirns (engl. maturation), der in einem bestimmten biologischen Zeitfenster stattfinden muss, damit eine natürliche Sprachentwicklung gewährleistet werden kann. Während der sog. Lateralisation werden kognitive Fähigkeiten eines Individuums in beiden Großhirnhemisphären ausgebildet, worunter auch die sprachliche Entwicklung fällt, die bevorzugt in der für die Sprachverarbeitung „dominanteren“ (vgl. Geschwind 1970), linken  Hemisphäre zu verorten ist. Er geht davon aus, dass nach Abschluss der natürlichen Reifung des Gehirns eine „normale“ Sprachentwicklung ausgeschlossen ist. Zu dieser Annahme kommt er unter anderem aufgrund von Beobachtungen mit Patienten, die nach der Pubertät aphasische Störungen erlitten und diese häufig nicht spurlos beheben konnten. Ein anderes Bild zeigte sich bei der kindlichen Aphasie, bei der aphasische Störungen mehrheitlich überwunden werden konnten (vgl. Lenneberg 1967). Er nimmt an, dass eine frühkindliche Aphasie durch vorhandene Läsionen in der linken Hemisphäre behoben werden kann, weil das Gehirn während der kritischen Periode eine hohe Plastizität aufweist und aus diesem Grund die Sprachentwicklung auf andere Gehirnareale wie z.B. die rechte Hemisphäre übertragen werden kann (vgl. Lenneberg 1967: 153). Wir möchten es bei dieser kurzen Einführung zur kritischen Periode beim Erstspracherwerb belassen und mit einem Zitat Lennebergs (1967) abschließen, in dem er die Bedeutung des natürlichen Reifeprozesses für die Erschließung der menschlichen Sprachverarbeitung hervorhebt:

„[…] it is important to know what the physical states of the brain are before, during, and after the critical period for language acquisition. This is the prerequisite for the eventual discovery of more specific neural phenomena underlying language behavior.“ (Lenneberg 1967: 179)

Nehmen wir nun an, dass es ein biologisches Zeitfenster für den Erstspracherwerb gibt, dass in der frühen Kindheit beginnt und bis zur Pubertät anhält, müssen wir in Bezug auf den Spracherwerb im Allgemeinen davon ausgehen, dass dieser unabhängig von sozialen Faktoren wie z.B. Lernmotivation, gesteuerter oder ungesteuerter Spracherwerb, eine altersbedingte Variation aufzeigt. Gehen wir darüber hinaus davon aus, dass eine kritische Periode auch für den Zweitspracherwerb angenommen werden kann, muss das Erwerbsalter als unabhängige Variable berücksichtigt werden. Ist der Zweitspracherwerb schließlich ab einem bestimmten Alter nur unter erschwerten Bedingungen oder nur mit Einschränkungen möglich, so erscheint das Erwerbsalter zur Klassifikation bestimmter Lernergruppen unabwegbar. Wir möchten uns diesem Phänomen der kritischen Periode noch etwas genauer, anhand ausgewählter empirische Befunde, im Kontext der Zweitspracherwerbsforschung zuneigen und eine Differenzierung von Früh- und Mehrsprachigkeit vornehmen.

Nach bisherigem Forschungsstand scheint ein allgemeiner Konsens unmöglich, da es einerseits Forscher gibt, die für eine kritische Periode plädieren (Lenneberg 1967), wohingegen diese nach der Auffassung anderer nicht existiert (Snow und Hoefnagel-Hohle 1978). Auch zwischen Vertretern einer kritischen Periode klaffen die jeweiligen Standpunkte zur zeitlichen Einordnung der kritischen Periode auseinander, was vor allem daran liegt, das einschlägige Forschungen aus ethischen Gesichtspunkten (vgl. Hurford 1991) unmöglich erscheinen.[1] Wir möchten im Folgenden in aller Prägnanz einige Ergebnisse anführen, aus denen jeweils positive Evidenz für eine kritische Periode hervorging.

Evidenz für eine kritische Periode beim Zweitspracherwerb kommt von Johnson und Newport (1989). In ihrem Experiment überprüften sie anhand von grammatischen Entscheidungsaufgaben die morphologische und syntaktische Kompetenz von chinesischen und koreanischen Muttersprachlern, die Englisch als Zweitsprache erworben hatten. Insgesamt 46 Teilnehmer wurden nach dem Alter zum Zeitpunkt ihrer Ankunft (AoA; engl. age of arrival) in zwei Gruppen aufgeteilt. Eine Hälfte setzte sich aus Probanden zusammen, die vor ihrem 15. Lebensjahr und die andere aus Teilnehmern, die nach ihrem 17. Lebensjahr in die Vereinigten Staaten immigrierten. Darüber hinaus gab es eine Kontrollgruppe mit 23 englischen Muttersprachlern.  Neben grammatisch wohlgeformten Sätzen wie z.B. a bat flew into our attic last night, hörten die Probanden ungrammatische Sätze wie z.B. *a bat flewed into your attic last night und sollten jeweils per Knopfdruck bestimmen, ob es sich um einem grammatisch korrekten oder inkorrekten Satz handelt. Letzterer Satz zeigt eine Übergeneralisierung der Vergangenheitsform des engl. fly (‚fliegen‘), an dessen unregelmäßige Form flew die Endung –ed für regelmäßige Verben zusätzlich affigiert worden ist (Johnson und Newport 1989).

Die von Johnson und Newport (1989) erzielten Ergebnisse zeigen (siehe Abb. 1), dass dem Alter des Zweitspracherwerbs ein hoher Stellenwert beizumessen ist, da hinsichtlich der Ausbildung der sprachlichen Fertigkeiten altersbedingte Unterschiede nachgewiesen werden konnten. Insgesamt erreichten die Teilnehmer, die früh in ein L2-Umfeld gezogen sind bessere Ergebnisse, als die Teilnehmer, die erst ab dem 17. Lebensjahr zuzogen, was ein Hinweis dafür sein könnte, dass auch das Niveau der zu erreichenden Sprachkompetenz bei einem späteren Zweitspracherwerb abnimmt und schließlich vom Alter des L2-Erwerbs abhängt.

Abb. 1: Die Beziehung zwischen Alter der Ankunft (age of arrival) in die Vereinigten Staaten und der Gesamtpunktzahl aus der Grammatikalitätsbeurteilung zur englischen Grammatik (aus: Johnson und Newport 1989: 79)

An dieser Stelle ist besonders hervorzuheben, dass diejenigen Teilnehmer, die ihre L2 zwischen dem 3. und 7. Lebensjahr erlernten, ähnlich gute Ergebnisse erzielten wie die Muttersprachler aus der Kontrollgruppe und ein Vergleich beider Gruppen zu keinem signifikanten Unterschied führte. Weiterhin muss darauf aufmerksam gemacht werden, dass die Sprachkompetenz in einer Zweitsprache bereits nach dem 7. Lebensjahr kontinuierlich abnimmt. Dieser Befund steht im Widerspruch zur Hypothese Lennebergs, der betont, dass eine Ursprache ohne eine defizitäre Sprachentwicklung möglich ist, sofern sie vor der Pubertät erlangt wird und erst nach der Pubertät damit zu rechnen ist, dass der Spracherwerb nur noch eingeschränkt möglich ist. Wie aus Abb. 1 deutlich hervorgeht, scheint eine vollständige Entwicklung einer Zweitsprache auf muttersprachlichem Niveau nach dem 7. Lebensjahr nur noch unter erschwerten Bedingungen möglich und mit steigendem Alter immer unwahrscheinlicher. Johnson und Newport (1989) schlussfolgern daraus, dass eine Zweitsprache auf muttersprachlichem Niveau nur dann erreicht werden kann, sofern sie vor dem 7. Lebensjahr erlernt wird.

Auf ein ähnliches Ergebnis kamen auch Bialystok und Miller (1999), die sich der gleichen Methode bedienten und eine Grammatikalitätsbeurteilung zur englischen Grammatik bei chinesischen, spanischen und englischen Probanden durchführten. Auch in ihrer Studie wurden die Lernergruppen in frühe und späte Lerner aufgeteilt, die entweder vor oder nach dem 15. Lebensjahr mit dem Erwerb der englischen Sprache begannen. In beiden Lernergruppen schlossen die Teilnehmer genauso gut ab wie die englischen Muttersprachler. Erst nach dem 8. Lebensjahr zeigten sich signifikante Unterschiede hinsichtlich der Grammatikalitätsbeurteilung im Vergleich zu den Muttersprachlern. Daraus lässt sich schlussfolgern, dass die Ergebnisse von Bialystok und Miller (1999) für ein Ende der kritischen Periode ab dem 8. Lebensjahr sprechen, mit dessen Beginn eine graduelle Abnahme der zu erreichenden Sprachkompetenz zu vernehmen ist.

Für den Zweitspracherwerb scheint die kritische Periode jedoch früher zu enden, als Lenneberg (1967) einst (siehe oben) vorgeschlagen hatte. Die angesprochenen Ergebnisse aus den Grammatikalitätsbeurteilungen von Johnson und Newport (1989) und Bialystok und Miller (1999), decken sich auch mit empirischer Evidenz aus einer Studie von Kim et al. (1997), die das Verfahren der funktionellen Magnetresonanztomographie (fMRT) nutzten. Mit diesem Verfahren kann Gehirnaktivation bildlich dargestellt und auf diese Weise etwa gezeigt werden, welche Gehirnareale aktiviert werden, wenn Sprache verarbeitet wird. Kim et al. (1997) konnten nachweisen, dass bei Früh- und Spätmehrsprachigen bei der Sprachverarbeitung zwar gleiche Regionen im Wernicke Areal aktivieren werden, im Broca Areal dagegen unterschiedliche[2]. Ein Vergleich der Früh- und Spätmehrsprachigen zeigte, dass bei den Spätmehrsprachigen, die ihre L2 durchschnittlich ab einem Alter von 11.2 Jahren erworben hatten, abhängig von der aktivierten Sprache (Erst- oder Zweitsprache) unterschiedliche Regionen im Broca Areal für die Sprachverarbeitung genutzt wurden. Bei Frühmehrsprachigen scheinen beide Sprachen in ein- und demselben zerebralem Netzwerk verarbeitet zu werden (u.a. Nitsch 2007). Die dargestellten Ergebnisse weisen darauf hin, dass Sprache je nach Erwerbsalter in unterschiedlichen Regionen des Broca Areals manifestiert ist und eine Differenzierung von Früh- und Mehrsprachigkeit angebracht erscheint.

Zudem sind die oben angeführten empirischen Befunde für unsere empirische Studie in Kapitel 5 von besonderem Interesse, da wir portugiesische Muttersprachler untersuchen werden, die Deutsch erst im Erwachsenenalter erworben haben. Wir folgen im weiteren Verlauf dieser Abhandlung den Arbeiten von Long (1990), Johnson und Newport (1989) sowie Silverberg und Samuel (2004) und teilen deren Ansichten, wonach Lerner, die eine L2 vor dem 7. Lebensjahr erwerben als Frühmehrsprachige und Lerner, die nach dem 7. Lebensjahr eine L2 erlernen, als Spätmehrsprachige klassifiziert werden.[3]

[1] Man erinnere sich an den Fall des Mädchens Genie, die ab einem Alter von nur 20 Monaten bis ca. zu ihrem 14 Lebensjahr von der Außenwelt abgeschotten festgehalten wurde und ihr ein Spracherwerb unter „normalen“ Bedingungen verwährt blieb (vgl. Harley 2014: 78).

[2] „In der klassischen Auslegung ist das Broca-Zentrum (Broca 1861) im seitlichen Stirnlappen (frontales Operculum) verantwortlich für Sprachproduktion, das Wernicke-Zentrum im hinteren Schläfenlappen (Planum temporale) für das Sprachverständnis (Wernicke 1874)“ (Nitsch  2007: 52).

[3] An dieser Stelle sei jedoch angemerkt, dass es empirische Studien gibt, die die kritische Periode widerlegen. Zum Beispiel haben Snow & Hoefnagel-Hohle  (1978) eine Longitudinalstudie abgeschlossen, in der sie den Spracherwerbsverlauf englischer Muttersprachler verschiedener Altersklassen (Sprecher im Alter von 3-5, 8-10 und 12-15 Jahren), die Holländisch als L2 erlernten, über den Zeitraum eines Jahres observierten. Sie stellten fest, dass die Altersgruppen der 8-10- sowie 12-15-jährigen Lerner nach einem Jahr den größten Lernfortschritt erreichten. Die Tatsache, dass die 3-5-jährigen Lerner am schlechtesten abgeschnitten haben, nahmen die Autoren als Evidenz dafür, dass es eine kritische Periode nicht gibt.