Analogie und Genusselektion

Mit dem deutsch-portugiesischen Sprachkontakt in Verbindung gebracht, hat Baranow (1973) den Begriff der Analogie im Zusammenhang mit der Beschreibung des Entlehnungstyps der Lehnbedeutung bei dem sich die Entlehnung dadurch charakterisiert, dass die Bedeutung eines portugiesischen Wortes aufgrund semantischer, morphematischer oder einem Zusammenspiel beider Aspekte in die Empfängersprache transferiert worden ist (vgl. Baranow 1973). Als Beispiel für eine Lehnbedeutung, bei der semantische Ähnlichkeit ausschlaggebend war, führt Baranow (1973) das Lexem Wäsche an, das aufgrund der semantischen Ähnlichkeit zum pg. roupa mit den Bedeutungen ‚Kleidung Wäsche‘, auch die Bedeutung ‚Kleidung‘ übernahm. Resultierend aus dem Sprachkontakt referierte das Wort Wäsche nicht nur auf Textilien, die gereinigt werden sollten, sondern auch auf Kleidung im Allgemeinen. Der Begriff der Analogie, also des Ähnlichkeitsverhältnisses zwischen bestimmten semantischen, morphologischen oder phonologischen Strukturen zwischen Sprachmaterial der beiden kontaktierenden Sprachen, nimmt auch bei der Genuszuweisung eine besondere Stellung ein. Dadurch, dass die Kontaktsituation einen gewissen Druck von außen auf das deutsche Sprachsystem ausübt, d.h. von der portugiesischen Sprache ausgehend, ist davon auszugehen, dass Strukturen der Umgebungssprache Einfluss bei der Integration von Lehnwörtern in die Nehmersprache genommen haben könnten. So zeigt unser Belegmaterial (siehe Anhang), dass Entlehnungen, für die es in der Zielsprache bereits ein lexikalisches Äquivalent gibt, in Analogie zu diesem, dessen Genus übernehmen.[1] Ein bereits im kindlichen Spracherwerb früh erworbenes Wort wie Hand (f.), wird in der Sprachkontaktsituation durch die portugiesische Entsprechung mão (f.) in bestimmten sprachlichen Kontexten verdrängt. Dabei wird das Wort Mão im sprachlichen Kontext in seiner fremden Wortform präsentiert und hinsichtlich seiner funktionellen Eigenschaft als Nomen graphisch angepasst, indem es groß geschrieben wird. Bei der Genusselektion ist jedoch davon auszugehen, dass die Zuweisung des femininen Genus, also die Mão, nicht aufgrund des Wissens über die sprachlichen Strukturen der portugiesischen Sprache, sondern aufgrund der semantischen Analogie zum deutschen Wort die Hand vollzogen worden ist. Gegen eine Orientierung an portugiesische Genuszuweisungprinzipien spricht, dass Konkreta mit der Endung –ão meistens Maskulina und Abstrakta mit der Endung –ão Feminina sind (siehe auch 3.1). Für die semantische Analogie spricht, dass sich die Sprecher jeweils durch die Verwendung der Nomen Hand oder Mão auf das gleiche Körperteil referieren und somit das Wort Mão lediglich in der morphosyntaktischen Kontext einsetzen, für den sie normalerweise die dt. Entsprechung Hand verwenden. Die Genusselektion richtet sich dabei nach der semantischen Analogie, indem es das Genus des Übersetzungsäquivalents beibehält und lediglich die Entlehnung für ein bereits vorhandenes Lexem einsetzt. Allerdings werden nicht alle Entlehnungen, für die es bereits ein lexikalisches Äquivalent in der Nehmersprache gibt, in semantischer Analogie zu diesem dem grammatischen Geschlecht angepasst, sondern auch nach bestimmten Genuszuweisungsprinzipien wie das folgende Beispiel zeigt. In unserem Belegmaterial heißt es z.B. „das Denkmal auf der Praҫa war eine einsame Ruine“ (Brasil-Post, 01.12.1950: 12). In diesem Kontext hat das pg. Lehnwort praҫa exakt die gleiche Bedeutung wie das dt. Übersetzungsäquivalent Platz. Dieses ist allerdings Maskulinum (der Platz), wohingegen die Entlehnung praҫa im angegebenen Kontext mit femininen Genus (die Praҫa) verwendet wird. Wir möchten diesbezüglich auf die von Chan (2005: 51-54) angeführten Ableitungssuffixe verweisen, die nativer als auch entlehnter Art sein können und auf bestimmte Genera schließen lassen. In unserem Fall ist die Endung –a ein entlehntes Suffix, das auch in Wörtern wie Komma, Aula (vgl. Chan 2005) anzutreffen ist und jeweils feminines Genus markiert. Diese morphologische Regel, die sich an den Suffixen im Deutschen orientiert, kann als Erklärung für die Genusselektion herangezogen werden. Für die Genuszuweisung in Sprachkontaktsituationen sind folglich verschiedene Regeln und Prinzipien zu beachten, die jeweils als Erklärungsansätze fungieren. Der nächste Anschnitt soll die Komplexität der Genuszuweisung in Sprachkontaktistuationen aufzeigen.

[1] Semantische Analogie nach Chan (2005: 74):  „Nach der semantischen Analogie ist die Gensuzuweisung einer Entlehnung durch das Genus ihres semantischen Äquivalents in der Empfängersprache motiviert.“

Ein Modell zur Bestimmung der Genusselektion

Das Modell basiert auf einer kontinuierlichen Weiterentwicklung unserer Forschungen (u.a. Müller 2012) zum deutsch-portugiesischen Sprachkontakt in Brasilien und soll an dieser Stelle wieder eingeführt, erweitert und vertieft werden. In (1) wird das bisherige Modell zur Bestimmung der Genusselektion dargestellt und zeigt anhand des pg. Lehnwortes Chuveiro (m.) die Analogiesetzung des Genus des pg. Lehnwortes. Es handelt sich hierbei um den Transfer des Genus aus der Gebersprache in die Nehmersprache. Obwohl Chuveiro und Dusche semantisch äquivalent sind, überwiegen bei dieser Entlehnung morphophonologische Zuweisungskriterien aus der portugiesischen Sprache. Die Endung –o des pg. Nomens chuveiro zeigt maskulines Genus an, eine Regel, die beim Entlehnungsprozess zur Analogiesetzung bzw. Übernahme des Genus aus der Gebersprache geführt hat und die DP [der chuveiro] erzeugte.

(1) Analogiesetzung des Genus durch die ZG am pg. Lehnwort chuveiro (aus Müller 2012: 37)

Analogiesetzung des Genus am Beispiel des Lehnworts chuveiro (dt. Dusche)

Unser Modell zeigt, dass semantische Analogie gegeben ist. Durch die Orientierung am dt. Übersetzungsäquivalent ‚Dusche‘(f.) hätte man vermuten können, dass dem entlehnten Chuveiro in semantischer Analogie zum Übersetzungsäquivalent Dusche feminines Genus, also die Chuveiro, zugeordnet würde. Die Ergebnisse aus Müller 2014 geben jedoch eindeutige Evidenz dafür, dass eine Übernahme des Genus des pg. Lehnwortes stattgefunden haben muss, durch den auf eine Analogiesetzung des Genus geschlossen werden muss. Ein weiteres Beispiel für eine Genusentlehnung zeigt die Verwendung des Wortes praia in „das Denkmal auf der Praҫa war eine einsame Ruine.“[1] (Baranow 1973: 329). Das feminine Genus wurde möglicherweise aus der Gebersprache in die Nehmersprache übernommen und ganz im Gegensatz zu unseren Erwartungen wurde die Genuszuweisung nicht in Abhängigkeit zum semantischen Äquivalent ‚Platz‘ (m.) vollzogen, wonach es der Praҫa hätte heißen müssen.[2] Diese Form der Genusentlehnung ist seltener anzutreffen als die Genuszuweisung infolge von semantischer Analogie. Dort, wo weder Analogiesetzung bzw. Genustransfer noch Genuzuweisung infolge von semantischer Analogiesetzung als Erklärungsansätze herangezogen werden können, greifen die in der deutschen Sprache gängigen Genuszuweisungsprinzipien (u.a. Köpcke 1996, 2009).

Im Folgenden sollen Beispiele aus der deutschsprachigen Zeitung aufgezeigt werden, für die sich eine eindeutige Klassifikation der Genusdetermination als schwierig erweisen. Betrachten wir zunächst das folgende Beispiel, bei dem ersichtlich werden soll, dass mehrere Faktoren für die Genuszuweisung berücksichtigt werden müssen. In einem Ausschnitt der Brasil-Post heißt es  „Hm, die Manjola stampft allein Mais und Reis und Kaffee, oder was man gestampft haben will.“ (BP 01.12.1950: 12). Der Kontext stellt uns glücklicherweise genügend Informationen zu Verfügung, die eine Ableitung des Begriffes Manjola ermöglichen. Offensichtlich handelt es sich um eine Maschine, die zur Weiterverarbeitung von Nahrungsmitteln wie Reis und Mais oder zum Mahlen von Kaffeebohnen verwendet wird. Dem Wort Manjola können wir schließlich die Bedeutung „Maschine zur Bearbeitung von z.B. Reis, Mais und Kaffee‘ zuweisen. Wir haben in 3.1 erfahren, dass portugiesische Nomen mit Wortausgang auf –a meistens feminines Genus selegieren und könnten eine Genusentlehnung annehmen. Andererseits erscheint ein Ableitungssuffix wie –a nach Chan (2005: 53) auch häufig in femininen Nomina und könnte die Genusselektion ebenfalls motiviert haben. Überdies bleibt auch die Möglichkeit bestehen, dass das Genus in semantischer Analogie zum Übersetzungsäquivalent zugeteilt wurde. Da es sich bei der Manjola um eine Maschine (f.) handelt, kann auch die Genusselektion durch semantische Analogie nicht ausgeschlossen werden. Unsere Recherchen zeigten jedoch, dass das Wort manjola in der portugiesischen Sprache nicht vorhanden ist, sondern lediglich das Wort manjolo, mit dem der gleiche Referenzbereich, eine Maschine zur Verarbeitung von etwas, abgedeckt wird. Aus diesem Grund vermuten wir, dass der Entlehnungsprozess in Analogie zur Bedeutung stattgefunden haben muss, der sich dadurch auszeichnet, dass die Bedeutung ‚Maschine zur Bearbeitung von z.B. Reis, Mais und Kaffee‘ (f.) als Motiv genommen wurde, um das Lehnwort mit femininem Genus zu verwenden. Zunächst wurde das Lehnwort phonologisch assimiliert, indem der finale Vokal –o, der für gewöhnlich maskulines Genus anzeigt, durch den Vokal –a ausgetauscht wurde, um feminines Genus anzuzeigen (dtb. manjola < pg. manjolo). Anschließen wurde das Wort im Zuge der Lexikalisierung durch das grammatische Geschlecht Femininum in semantischer Analogie zum Übersetzungsäquivalent gekennzeichnet.

[1] Zur Genusentlehnung siehe Rothe 2012.

[2] Weitere Beispiele für Genusentlehnungen sind unter anderem die pg. Lehnwörter praia (f.) ‚Strand‘ (m.); mula (f.) ‚Maulesel‘ (m.). und Capoeira (f.) ‚zugewachsenes, ehemaliges Pflanzenland‘ (n.), siehe Anhang.