Um beantworten zu können, ob bilinguale Sprecher im Rahmen der Worterkennung nun eine Sprache aktiviert haben oder beide Sprachen gleichzeitig, sollte zunächst geklärt werden, welche mentalen Repräsentationsebenen bei der Worterkennung aktiviert werden. Wie wir im vorherigen Abschnitt erfahren haben, ist unser Wissen über sprachliche Elemente einer Sprache im mentalen Lexikon abgespeichert. Aus welchen entsprechenden Einträgen sich das mentale Lexikon sich jedoch zusammensetzt, um ein Wort abzuspeichern, möchten wir im Folgenden exemplarisch darstellen. Wenn wir z.B. das Wort Sakko hören, müssen wir einen Lautstrom verarbeiten, der sich aus den Phonemen /z/, /a/, /k/ und /o/ konstituiert. Die Kenntnis darüber, dass u.a. einzelne Lauteinheiten auf syntagmatischer Ebene bestimmten Abfolgeregularitäten unterliegen und miteinander kombiniert werden können, wird als Lexem bezeichnet (vgl. Dietrich 2007). Syntaktische Informationen eines Wortes, wie etwa, dass Sakko zu der syntaktischen Kategorie der Nomen gehört, ein inhärentes Genus besitzt, flektiert werden kann und in unterschiedlichen Satzumgebungen verschiedene syntaktische Funktionen wie die eines Subjekts oder Objekts einnehmen kann, sind Eigenschaften, die unter dem Begriff Lemma zusammengefasst werden. Überdies verbinden wir mit der Äußerung des Wortes Sakko ein gedankliches Konzept, mit dem die Bedeutungskomponenten eines Wortes abgerufen werden. Auf der konzeptuellen Ebene werden u.a. diejenigen Bedeutungskomponenten abgerufen, die uns darüber informieren, dass es sich bei dem Wort Sakko um ein bestimmtes Kleidungsstück handelt (vgl. ebd.).[1] Die Abgrenzung der Begriffe Lexem, Lemma und Konzept ist erforderlich, um die kognitiven Abläufe während des Sprachverstehens bestimmten Zuständigkeitsbereichen zuordnen zu können, die für die Verarbeitung visueller und auditiver Stimuli verantwortlich sind. Ein Lemma kann etwa aktiviert sein, ohne das ein Lexem aktiviert ist und umgekehrt. In diesem Zusammenhang spricht Dietrich (2007: 35) von einer Lemma-Lexem-Gliederung, nach der „das gesamte mentale lexikalische System sozusagen horizontal in einen lautlichen und einen nicht-lautlichen Bereich gegliedert ist.“ Für unsere Zwecke soll dieser kurze Überblick bereits genügen. Zusätzlich werden die mentalen Repräsentationsebenen in Abb. 3 schematisch dargestellt, damit  in der weiteren Abhandlung nachvollzogen werden kann, auf welcher (Beschreibungs-)Ebene wir uns jeweils befinden, wenn wir linguistische Erklärungsansätze für die Worterkennung bei portugiesischen Deutschlernern suchen.  Die mentalen Repräsentationsebenen, die bei der Worterkennung des gesprochenen Wortes Sakko am Verarbeitungsprozess beteiligt sind, werden in Abb. 1 zusammen mit einer Darstellung von Schallereignis und Frequenzspektrum (Oszillogramm und Spektrogramm; erstellt mit Praat) schematisch dargestellt.[2]

Mentale Repräsentationsebenen bei der Verarbeitung eines auditiven Stimulus (vgl. u.a. Dietrich 2007)

[1] Zum Aufbau des mentalen Lexikons siehe z.B. Dietrich  (2007).

[2] Zu beachten sei an dieser Stelle, dass die schematische Darstellung einen groben Überblick verschaffen und wahrlich keine vollständige Aussage über den tatsächlichen Verlauf des Worterkennungsprozesses geben soll und auch nicht kann. Angemerkt sei, dass auf der Lemmaebene auch phonologische Aspekte wie Vokalquantität und Intonation oder auch metrische Eigenschaften von Wörtern aktiviert werden, die bei der Worterkennung eine Rolle spielen können (u.a. Dietrich 2007; zu experimentellen Befunden: Huettig et al.  2011).